geboren am 20.12.1857 in Nindisch-Hurtmannsdorf/A
Priesterweihe: 05.12.1880
verstorben am 30.01.1889
beigesetzt in Himmelhof/A

Comboni nannte Dichtl eine „Perle meines Instituts“. Geboren in Hartmannsdorf in der Steiermark (Österreich) am 20.12.1857, trat er als Theologiestudent aus Graz 1876 in Verona ein und wurde von Comboni am 5. Dezember 1880 in Kairo zum Priester geweiht. Beim Aufenthalt in Rom auf dem Weg nach Afrika diente er Comboni als Sekretär. Seine Sprachkenntnisse dürften ihm von großem Wert gewesen sein. „Dichtl hat große Fähigkeiten“, schreibt Comboni später aus Khartum, „und kann auch schon gut arabisch. Wie alle Deutschen hat er eben Schwierigkeiten mit der Aussprache.“ Nicht nur Comboni schätzte ihn sehr. Ein italienischer Mitbruder schreibt über ihn: „Mit seiner Liebenswürdigkeit gewann er die Herzen aller. Sie nannten ihn ‚Abuna Hanna‘ (Pater Johann). Er hatte eine außergewöhnliche Gabe, die Herzen der Kopten und der Muslime zu gewinnen. Sie konnten seiner Liebenswürdigkeit nicht widerstehen“.

Und Dichtl seinerseits war von Comboni begeistert. Er war an seiner Seite, als dieser am 10. Oktober 1881 starb. Dichtl schreibt dazu an Mitterrutzner: „Der große Bischof Comboni ging gestern ins andere Leben hinüber. Er starb in meinen Armen. Er hauchte mir die letzten Worte der Liebe ins Ohr. Wie soll ich Gott danken, dass er mir, einem unerfahrenen Missionar mit kaum 24 Jahren, diese Gnade geschenkt hat.“ Comboni habe ihm immer wieder ins Ohr geflüstert: „Siehst du nicht, wie süß das Kreuz ist?“ Er seinerseits habe geschworen, er wolle im Vikariat sterben. Und an Mitterrutzner weiter: „Sorgen Sie sich nicht um mich. Wenn ich bald dem Bischof folgen müsste, so soll es geschehen. Aber ich fühle in mir eine außerordentliche Kraft wie nie zuvor.“ Das sind Formulierungen, die zeigen, wie geistesverwandt beide, Comboni und Dichtl, waren.

Nach dem Tod Combonis musste sich Dichtl unter anderem seiner Korrespondenz mit den Regierungsbehörden und den Wohltätern in Europa in den verschiedenen Sprachen annehmen. Als nach dem Vordringen des Mahdi und der Gefangennahme der Missionare von Delen und El Obeid sowie der unmittelbaren Bedrohung Khartums am 4. August 1882 das Personal der Mission mit vielen Christen die Stadt verließ, blieb Dichtl als einziger Priester in Khartum. Doch diesmal konnte sich Khartum noch halten. Darum kehrte die ganze Gruppe nach sieben Monaten wieder zurück. Dichtls Gesundheit (Lungentuberkulose und Typhus) hatte sich aber so verschlechtert, dass er dem Tod nahe war. Bischof Sogaro schickte ihn nach Europa zur Erholung. Es sollte ein Abschied für immer sein. Zwei Jahre verbrachte er zunächst in Verona, wo er die Aspiranten und die jungen Schwestern in Arabisch unterrichtete. Daneben schrieb er Artikel in der Zeitschrift „Nigrizia“ und im „Grazer Volksblatt“ eine Serie unter dem Titel „Der Sudan“, die dann als Buch von 452 Seiten veröffentlicht wurden. Seine Schriften und verschiedene Vorträge brachten der Mission Spenden ein. Dichtl ging nach Wien, um die Kontakte zum Marienverein zu intensivieren, und reiste nach Köln, wo sich die zweite Lebensader der Mission in Afrika befand. „Mit seinem hellbraunen Mantel und dem bunten Turban wurde der junge Missionar überall freudig aufgenommen und seine Berichte fanden lebhaftes Interesse.“

Khartum fiel am 26. Januar 1885 in die Hände des Mahdi. Die etwa hundert mit den Missionaren geflohenen Christen mussten versorgt werden. Außerdem waren 14 Schwestern und Mitbrüder in Gefangenschaft. Darum bat Bischof Sogaro Dichtl, nach Ägypten zurückzukommen. Er hielt ihn als Kenner der Verhältnisse als den Geeignetsten in seinem Bemühen um die Befreiung der Gefangenen. Aber Dichtl kam nur kurz und musste bald wieder nach Europa zurückkehren. Er war zu krank für eine solche Aufgabe.

Später, 1887, begleitete er seinen Bischof Sogaro auf dessen Reise zu Wohltätern und Organisationen in Österreich, Deutschland und Holland, zusammen auch mit dem ersten afrikanischen Priester des Instituts, Pater Daniel Sorur, dessen Autobiografie er ins Deutsche übersetzte. Sie wurde in den Jahrbüchern des Kölner Missionsvereins und dann als Buch veröffentlicht.

Als die Gesundheit immer weiter nachließ, zog sich Dichtl als Hausgeistlicher in ein Kloster der Schwestern „Dienerinnen des Heiligen Kreuzes“ in Himmelhof bei Wien zurück, wo er am 31. Januar 1889 mit 31 Jahren starb, „heiligmäßig und von allen wegen seiner Frömmigkeit und Liebenswürdigkeit bewundert“, wie es in einem langen Nachruf heißt.

Pater Dichtl nahm in der Zeit seines Zwangsaufenthalts in Europa aktiv Anteil an den Überlegungen über die Zukunft des Instituts in der schwierigen Phase nach Combonis Tod. Und hier ist er nicht unumstritten. Um es kurz zu sagen: Dichtl war der Erste, der die Umwandlung des Instituts Combonis in eine Kongregation mit Hilfe der Jesuiten vorschlug. Er hat, zweitens, mit Nachdruck und als Erster die Gründung einer Niederlassung im deutschsprachigen Raum betrieben.

Der Vorschlag zur Gründung einer Kongregation unter Führung von Jesuiten wurde schließlich von Bischof Sogaro aufgegriffen und von Rom umgesetzt.  Anders war es mit dem Plan einer Gründung in Österreich. Angesichts der Schwierigkeiten, die die Niederlassung in Verona nach dem Tod Combonis durchlief, schien es Pater Dichtl am besten, wenn das Zentrum des Instituts in Europa nach Österreich verlegt oder dort zumindest eine Niederlassung gegründet würde, zumal Österreich seit 30 Jahren Protektor der Mission war und sowohl die Regierung als auch die Kirche alle Anstrengungen unternahmen, um die Mission zu retten. Von Seiten der italienischen Regierung war in dieser Hinsicht kaum Hilfe zu erwarten. Darum suchte Dichtl um eine Audienz bei Kaiser Franz Josef in Wien an und erhielt sie am 26. Juni 1884, ohne dass Bischof Sogaro und die Leute in Verona es wussten. Nur Kardinal Simeoni von der Propaganda Fide war informiert. Der Kaiser sprach sich wohlwollend aus und auch der Erzbischof von Wien befürwortete eine solche Gründung in Österreich. Von Bischof Sogaro und aus Verona kam aber heftiger Protest wegen des eigenwilligen Vorgehens von Dichtl.

Erwähnt sei ein späteres Wort von Mitterrutzner vom Jahr 1894 anlässlich der bevorstehenden Gründung in Brixen: „Eine Filiale in Österreich! Ein alter Gedanke des unvergleichlichen Comboni! Die gleiche Idee wollte der tüchtige Pater Dichtl 1884 verwirklichen und die Sache lief gut zwischen Wien und Rom. Fürst Lichtenstein war bereit, der Mission ein Haus in Görz (italienisch Gorizia) zu schenken: Eine italienische und deutsche Stadt und daher bestens geeignet für diesen Zweck. Aber 1885 gab Sogaro dazu nicht sein ‚Placet‘ und alles löste sich in Rauch auf.“

Wegen dieser Initiative hängt Dichtl in der späteren combonianischen Geschichtsschreibung aus italienischer Perspektive ein Geruch von „Hochverrat“ an. Doch auch der Dichtl gegenüber kritische Pater Aldo Gili schreibt abschließend über ihn: „Der Missionar Johann Dichtl war derjenige, der mehr als alle anderen Missionare die Erinnerung an Daniel Comboni lebendig erhielt. Mehr als alle anderen blieb er der Idee des Gründers treu, sein Werk auszubauen und stark zu organisieren.“

R.I.P.

Pater Alois Eder