Südsudan: Wege zur Versöhnung

In einem Land, das vom Krieg verwüstet ist, ist Vergebung der Beitrag, den Christen einer Gesellschaft bieten können, die entlang von ethnischen Grenzen und durch Rivalitäten getrennt ist. Ein Missionar im Südsudan erzählt anhand von ein paar Geschichten, wie seine Vorschläge Vergebung, gegenseitige Akzeptanz und Frieden mit sich brachten.

Im östlichen Südsudan gibt es Menschen, die in Gegenden an den Flüssen leben, die sechs Monate im Jahr durch Regenfälle und das Hochwasser des Nils überschwemmt sind. Es sind Nuer, die gerne anders genannt werden, „Menschen des Ursprungs“

Wie ihre Nachbarn, die Dinka, gehören die Nuer zu den Niloten Ostafrikas, einschließlich der ethnischen Gruppen Luo, Shilluk und Anyual. Die Nuer sind Hirten und wissen fast alles über Kühe. Während der Trockenzeit ziehen sie mit ihren Herden zu den Weideflächen, wo sie bis zum Beginn der Regenzeit bleiben.

Sie betreiben auch Landwirtschaft, aber mit altertümlichen Methoden, und bauen nur Sorghum, Mais und Gemüse an. Groß und üblicherweise dünn, die Haut so dunkel wie Ebenholz, durchlaufen sie im Alter von zwölf Jahren den Initiationsritus. Klaglos lassen sie sich mit sechs horizontalen Streifen auf der Stirn kennzeichnen. Die Narben bleiben für immer und weisen auf den Übergang zum Erwachsensein hin. Die Nuer sind an ein hartes Leben gewöhnt, und obwohl sie normalerweise freundliche Menschen sind, reicht eine Auseinandersetzung um eine Frau, Vieh oder Landbesitz aus, um einen schlimmen Streit zu beginnen. Ein Kampf hin und wieder scheint eine Art Unterbrechung in dem monotonen Leben zu sein.

Wenn zwei Gruppen aus ernsthaften Gründen gespalten sind, wird als erster Schritt zur Versöhnung eine Einigung zwischen den unmittelbar betroffenen Personen angestrebt. Gelingt das nicht, wendet sich ein Vertreter einer der Parteien an die Gemeinschaft. Wenn die Gemeinschaft einschreitet und der Schuldige kategorisch jeden Vorschlag zurückweist, mit dem Übereinstimmung erzielt werden soll, wird er als gefährliche Person angesehen und aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Das geschieht leider oft. Ein Nuer, der übler Nachrede angeklagt ist, wird so wütend, dass er wie ein Löwe kämpfen wird, um seinen Ruf zu verteidigen, auch dann, wenn er schuldig ist. Selbst wenn Beweise vorliegen, wird er alles leugnen und sich als Opfer aufspielen. Seine Freunde sind gezwungen einzuschreiten, um ihn zu beruhigen und zu versuchen ihn zu überzeugen, dass er falsch gehandelt hat.

Die Nuer können sich selbst verteidigen und sind sehr gerissen, wenn es darum geht, die Tatschen zu verdrehen, um andere glauben zu machen, dass der Schuldige das Opfer ist. In der Tat findet man solches Verhalten bei allen Völkern, aber die Nuer beherrschen es außergewöhnlich gut.

Für einen Nuer ist es eine Demütigung, zuzugeben, dass er im Unrecht war, und sich zu entschuldigen. Er muss andere glauben machen, dass er ein starker Mann ist, der sich aus einer schwierigen Situation befreien kann und nie etwas Falsches tut. Wenn jemand einen Nuer einer Angelegenheit beschuldigen will, die ihn demütigt, sollte er sehr vorsichtig sein, dass er es nicht vor dessen Frau oder seinen Kindern tut. Ansonsten gibt es ernsthafte Probleme. Wenn ein Mann gedemütigt wird, kann er töten ohne zu zucken, egal ob er unschuldig oder schuldig ist.

Eines Tages kam ein älterer Katechist sehr verärgert zu mir. Ein junger Katechist hatte ihn an der Hand gepackt und ihm einen so heftigen Stoß versetzt, dass er zu Boden gestürzt war und sich beinahe den Kopf angestoßen hätte. Ich rief den jungen Katechisten zu mir, um eine Erklärung für den Vorfall zu erhalten, jedoch konnte ich wenig verstehen.

Dann rief ich die Katechisten zusammen, die Zeugen der Szene geworden waren. Sie wurden sofort sehr wütend auf den Älteren und warfen ihm vor, erst zu mir statt zu ihnen gegangen zu sein, was das übliche Vorgehen gewesen wäre. Nach der Version der Zeugen schien es klar, dass der Fehler definitiv bei dem älteren Katechisten lag. Er hatte den jungen Mann provoziert, der sich instinktiv verteidigte, weil er sich angegriffen fühlte.

Das Treffen dauerte Stunden. Der ältere Katechist verhielt sich ruhig, war aber verärgert, weil die anderen es wagten, ihn zu beschuldigen, ihn, einen Veteranen! Glücklicherweise war ein weiterer Gemeinschaftsältester bei uns, der das Wort übernahm und den älteren Katechisten tadelte. Sein Eingreifen machte die Sache einfacher. An diesem Punkt ging ich zu dem älteren Katechisten und sprach unter Aufbringung meiner Erfahrung und der Kenntnis der Psychologie der Nuer zugunsten des jüngeren. Ich versuchte den Angriff, dem der ältere ausgesetzt gewesen war, zu bagatellisieren, indem ich es eher als unerfreulichen Zwischenfall darstellte und nicht als Mangel an Respekt des jungen Mannes, der aus Angst geschlagen zu werden instinktiv reagiert hatte. Die beiden versöhnten sich schließlich in Anwesenheit der Gruppe, und ich gab ihnen meinen Segen.

Einmal war ich eingeladen, bei einer Dorfältestenversammlung zu sprechen. Ich sagte: „Befleckt nicht dieses geheiligte Land (Südsudan) mit Blutvergießen“. In der folgenden Nacht betrat ein Mann die Hütte einer Frau, die mit ihrem Ehemann zusammen war. Der nahm einen Speer, um den Eindringling zu töten, hielt sich aber zurück. Es reichte ohnehin, ihn zu verscheuchen. Am nächsten Morgen zeigte der Ehemann der Frau den Vorfall bei der Polizei an und erklärte, dass er den Ehebrecher nicht getötet hätte, weil Pater Antonio ihnen gesagt hatte, dass man den geheiligten Boden nicht entweihen solle. Er bat um Gerechtigkeit durch eine Geldstrafe.

Eine andere Episode. Eines Tage stimmte George zu, dass ein Freund, der aus Rache getötet werden sollte, in seiner Hütte schlief, während er in dessen Hütte schlafen sollte. Während der Nacht kamen einige Männer und fragten George, wo das vorbestimme Opfer sei. Er log, aber sie gaben nicht nach und richteten ein Gewehr auf seinen Kopf. Erschrocken begann er um Hilfe zu schreien. Er wurde an Ort und Stelle getötet. Die Familie versammelte sich an seinem Grab und bestimmte denjenigen, der aus Rache getötet werden sollte. Aber einer der Anwesenden überzeugte sie, das nicht zu tun, denn das war es, was Pater Antonio gelehrt hatte, und er fügte hinzu, dass George ein Katechist und Freund des Priesters gewesen war.

Solche Fälle sind jedoch Ausnahmen bei den Nuer. Tatsächlich ist es schwer, dass Versöhnung nach dem Tod eines Menschen geschieht, selbst unter Christen.

Evangelisation geschieht an diesem heiklen Punkt durch die Katechisten. Sie beginnen mit dem Gebot „Du sollst nicht töten“. Die Nuer glauben an Gott, und deshalb sollte es ihnen nicht schwerfallen, ein göttliches Gebot zu akzeptieren. Gott – Kuoth Cak – gab uns das Fünfte Gebot, und er ist unser Vater.

Wir müssen auf den Wert jedes einzelnen Menschen pochen – jeder von uns ist nach dem Abbild Gottes geschaffen und zur Teilhabe am Ewigen Leben berufen. Das irdische Leben ist eine Vorbereitung auf den Himmel, wo wir Teil der göttlichen Familie sein werden. Als Jesus kam, lehrte er uns, jeden zu lieben, auch unsere Feinde. Und er tat es als Erster.

Traditionen sollten bewahrt werden – der Tod eines Ochsen (wie im Alten Testament, wo Gott Opfer dargebracht wurden), Wiedergutmachung durch die Opferung von Kühen, die Galle vermischt mit Milch trinken. Diese Riten können abgeschlossen werden, indem dem Schuldigen die Hände aufgelegt werden, und mit dem Segen eines Priesters als Garantie dauerhafter christlicher Versöhnung.

Pater Antonio La Braca
Quelle: comboni.uk

2018-07-23T11:57:56+00:00