Ein Angriff während der Fürbitten

Keiner Zeitung war der Vorfall eine Meldung wert, so wie der ganze Bürgerkrieg in der Republik Zentralafrika hierzulande kaum beachtet wird. Zu „gewöhnlich“ sind die Ereignisse in diesem Land, das ärmste der Welt. Viele kennen nicht mal das Land, eher noch Kaiser Bokassa, der die einst französische Kolonie von 1976 bis 1979 als Monarch regierte.

Der 38-jährige Moses Otii Alir ist in Uganda aufgewachsen, besuchte eine Schule der Comboni-Missionare und beschloss, selbst Missionar zu werden. So kam er nach Europa, studierte in Innsbruck und lernte Ellwangen kennen, wo er einige Monate in der Marienpflege tätig war. Seit sechs Jahren leitet Moses die Pfarrei Unserer Lieben Frau von Fatima am Stadtrand von Bangui, der Hauptstadt Zentralafrikas. 40 000 Menschen gehören zu seiner Gemeinde, und seit 2013 die gewählte Regierung gestürzt wurde, kommen sie nicht nur zum Beten, sondern auch weil sie Hilfe suchen.

Bewaffnete Rebellen, muslimische Banden, griffen immer wieder die Missionsstation mit der schönen Kirche an. Zuletzt gab es am 1. Mai über 30 Tote. „Wir haben einen großen Gottesdienst im Freien gefeiert, zum Fest des Hl. Josef“, erzählt Moses. Er war bei den Fürbitten, als Handgranaten unter die Betenden geworfen und Gewehre abgefeuert wurden. Sieben Menschen waren sofort tot, 30 starben an ihren Verletzungen, 150 wurden schwer verletzt. Auch der Priester selbst zog sich Stichwunden zu, als die Angreifer mit Messern auf ihn losgingen. „Es waren junge Männer, die ganz in der Nähe wohnten“, berichtet er und glaubt, dass der Überfall geplant wurde, weil die klare Position der Kirche manchen ein Dorn im Auge ist.

Der Bürgerkrieg in der Republik Zentralafrika ist kein wütender Kampf verfeindeter Volksgruppen. „Christen und Muslime lebten hier eigentlich immer friedlich zusammen“, erzählt Moses. Es wurde zwischen den Religionen geheiratet und in manchen Familien sind die Eltern christlich und die Kinder gehen in die Moschee. Der Missionar ist überzeugt, dass der Konflikt von außen geschürt, vielleicht gar gesteuert wird, von Gruppen, Unternehmen oder von Staaten, die einen gesetzlosen Zustand brauchen, um die Rohstoffe des Landes, Gold, Diamanten, Uran, edle Hölzer auszubeuten. Die bewaffneten Gruppen kontrollieren Schürfgebiete, sie verlangen Schutzgelder und sie kassieren willkürlich Zoll an den Straßen. Obwohl 12 000 UN-Blauhelmsoldaten stationiert sind, kommt das Land nicht zur Ruhe. Trotz Waffenembargos gelangen Gewehre, Granaten und Munition über die Grenze. Moses: „Die Blauhelme kamen drei Stunden nach dem Überfall, da waren die Rebellen längst wieder weg“. Jetzt sucht Präsident Faustin Archange Touadera die Nähe zu Russland, inzwischen sind russische Soldaten als Ausbilder im Land.

Perspektivlosigkeit ist das Hauptübel

Es ist die Perspektivlosigkeit der Jugend, die den Rebellengruppen immer wieder neue Kämpfer zuführt. Das Land bietet seinen Kindern kaum eine Bildungschance. Die Regierung ist schwach, die Eliten korrupt, und wer eine Ausbildung genossen hat, versucht im Ausland zu arbeiten, wo er mehr verdient.

Pater Hubert Grabmann ist der neue Prokurator der Comboni-Missionare, er war seit 2005 bei den Pokot (Kenia) in einer Landgemeinde im Einsatz und soll nun die Mitbrüder von Deutschland aus unterstützen. Die Möglichkeiten, die der 48-Jährige hat, sind jedoch begrenzt. „Wir versuchen von hier aus zu koordinieren, Netzwerke aufzubauen, Kontakte zu Politikern und Hilfsorganisationen herzustellen. Wir schicken auch Geld, doch einen Angriff wie am 1. Mai können wir nicht verhindern“, erklärt der Prokurator. Er hat den jungen Priester Moses für einige Wochen nach Deutschland geholt, damit er seine Verletzungen kurieren kann und wieder Mut fasst für die weitere Arbeit.

Moses reist im August zurück nach Bangui, es ist sein eigener Wunsch. Kein Missionar wird gegen seinen Willen in gefährliche Regionen geschickt. „Sie haben mich gefragt, ob ich zurückkomme. Und ich habe es versprochen. Die Menschen in Bangui vertrauen darauf, dass ich komme“, erzählt er. Die Kirchengemeinde ist eine Schicksalsgemeinschaft, und die Menschen geben sich gegenseitig Kraft. Moses setzt vor allem auf die Jugendlichen, die in seine Kirche kommen. Er will ihnen helfen, über Bildung und Ausbildung eine Lebensperspektive zu entwickeln, damit sie ihr Land wieder aufbauen.

Ein Ansatz, den die Missionare auch in anderen Ländern verfolgen, wie Hubert Grabmann versichert: „Wir versuchen nicht mehr, möglichst vielen ein bisschen Bildung zu vermitteln, sondern wollen besonders Talentierte bis zum Studienabschluss begleiten. Ein Bürgerkriegsland braucht auch Gebildete, eine Elite, die bereit ist, im Land zu bleiben und führende Positionen zu übernehmen.“ Wie geht es Moses Otii Alir, wenn er nun aus dem reichen und sicheren Deutschland in seine Pfarrei in Bangui zurückkehrt? Was wird er den Menschen dort erzählen? „Das ist eine andere Welt dort, mit anderen Werten. Die Menschen sind noch sehr traditionell und naturalistisch. Vieh zählt viel mehr als Geld“, berichtet er. Es seien nur wenige, die von Europa träumen. Zumal sich auch kaum jemand die Flucht leisten könnte. Nur mit Aufklärung, Bildung und mit Hilfe zur Selbsthilfe könne man die Jungen dazu bewegen, in Afrika zu bleiben und den Kontinent zu entwickeln, glaubt Moses, denn „Niemand verlässt seine Heimat gern.“ Er hat ein Projekt initiiert für traumatisierte Jugendliche und Erwachsene, bietet Ausbildung, Begleitung und Unterstützung für einen neuen Anfang. Und er hofft weiter auf die europäischen Politiker, die in jüngster Zeit immer wieder von einem „Marshallplan für Afrika“ reden.

Gerhard Königer, Schwäbische Post

2018-08-07T11:07:06+00:00