Touristen oder Pilger? Das Dilemma der Jugend

In einer „fließenden“ Gesellschaft zu leben, in der bestimmte Überzeugungen und dauerhafte Entscheidungen als unattraktiv angesehen werden, finden junge Menschen Gefallen daran, sich als Pilger zu sehen. Das Leben ist also eine Pilgerreise, die sich aus einem abenteuerlichen Weg und dem Fokus auf dem Ziel der Reise zusammensetzt.

Der Autor, Pater Paolo Consonni aus der Diözese Mailand, lebt und arbeitet in Macau. In der Asiatischen Provinz der Comboni-Missionare ist er verantwortlich für die Berufungspastoral und Ausbildung. Regelmäßig verfasst er Beiträge für die Zeitschrift World Mission Magazine.

Während eines Treffens mit einigen Universitätsstudenten schlug ich vor, über ein Zitat von Papst Franziskus nachzudenken: „Die Tatsache, dass wir nicht aus eigener Wahl auf dieser Welt sind, lässt darauf schließen, dass es eine Initiative gibt, die uns vorangeht und uns erschafft. Jeder Mann und jede Frau hat eine Mission. Das ist der Grund für unser Leben auf dieser Erde.“

Um das zu veranschaulichen, habe ich die Beispiele zweier Frauen dieser Generation angeführt. Die erste ist die kürzlich mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete Nadia Murad, 25 Jahre alt, eine irakische Jesidin, die vom IS in die Sklaverei gezwungen wurde. Nach ihrer Flucht erhob sie ihre Stimme, um das Ende des Einsatzes sexueller Gewalt als Kriegswaffe zu fordern. Die andere ist die bekanntere Malala Yousafzai, 1997 in Pakistan geboren, die als jüngste Person mit 17 Jahren den Friedensnobelpreis erhielt. Sie setzt sich für die Förderung der Bildung von Frauen ein, bevor und nachdem sie ein Attentat der Taliban überlebt hatte.

Meine Studenten bewunderten offenkundig den Mut dieser beiden jungen Frauen und ihre Hingabe an eine einzige Sache. Aber als ich fragte: „Habt Ihr das Gefühl, dass Ihr eine Mission auf dieser Erde habt?“ antwortete einer von ihnen: „Ich möchte ein Reisender sein, der unterschiedliche Erfahrungen und mehrere Reiseziele genießt, nicht so sehr als Einzelperson.“

Die anderen stimmten zu. Diese Antwort spiegelt den kulturellen Wandel unserer Generation wider. Wir leben jetzt in einer so genannten „fließenden Gesellschaft“, in der bestimmte Überzeugungen und beständige Entschlüsse als unattraktiv angesehen werden. Das Problem ist, wenn man ohne klaren Weg lebt und von verschiedenen Winden, Strömungen und Wellen getragen wird, geschieht es leicht, dass man auf See verloren geht.

Wir alle empfinden die Schwierigkeit, der Jugend zu dienen: Auf der einen Seite erziehen wir auf der Grundlage der Sicherheit und zur „Anpassung an das System“. Auf der anderen Seite träumen junge Menschen, während sie sich äußerlich an diese Werte zu halten scheinen, stattdessen von einer Reise an viele Orte, die sich aus verschiedenen Abschnitten zusammensetzt, welche keine dauerhafte Verpflichtung erfordern. Früher oder später setzen sie diesen Traum in die Tat um.

Um aus dieser Sackgasse herauszukommen, hatte ein Student eine Idee: Wie wäre es mit einem Leben als Pilger? Das Leben als Pilgerreise erhält sowohl die Dynamik einer abenteuerlichen Reise als auch die Klarheit des Endziels aufrecht und macht die Reise selbst zum Mittelpunkt aller Lebenserfahrungen. Dann waren sich alle einig, dass Jesus und alle seine Jünger so lebten! Das ist eine gute Inspiration, wie man in ein neues Jahr starten kann.

Pater Paolo Consonni

2019-02-04T08:49:27+00:00