19. Oktober 2026
Schon einige Male hat uns der Comboni-Missionar Stefano Trevisan aus dem Gadertal von seinen interessanten Erfahrungen in seiner Mission im Südsudan berichtet. Vor zwei Jahren war die Bevölkerung in dem Gebiet, in dem er tätig ist, von folgenschweren Überschwemmungen heimgesucht worden. Im letzten Jahr aber ereignete sich eine Katastrophe, die die Menschen zur Flucht zwang. Auch die Missionare mussten ihre Missionsstation verlassen und sich an einem höher gelegenen Ort in notdürftig errichteten Hütten niederlassen. Wann sie zurückkehren können, ist ungewiss …
Normalerweise habe ich euch immer gerne von ermutigenden Begegnungen und den kleinen Wundern unseres Alltags berichtet, die ich hier unter dem Volk der Nuer immer wieder erlebt habe. Doch diesmal muss ich euch von einer Erfahrung erzählen, die unser Leben und unsere Mission grundlegend verändert hat. Vor einiger Zeit brach nämlich in Old Fangak ein Teil des Damms, der unsere Stadt vor den Wassermassen des Nils schützen sollte. Was dann folgte, war eine Katastrophe, wie sie die Menschen hier noch nie erlebt hatten. Am Abend des 30. August 2025 stieg der Wasserpegel des Flusses ständig und unaufhaltsam. Freiwillige aus der Gemeinde versuchten noch zwei Stunden lang, ein Leck im Damm zu schließen. Doch der Damm gab nach und innerhalb kürzester Zeit strömte das Wasser in die Stadt. Ich sah Familien, die verzweifelt versuchten, ihre Kinder in Sicherheit zu bringen. Auch wir kletterten auf das Dach unseres Hauses und warteten auf Hilfe.
Die Hilfsaktion „Ärzte ohne Grenzen“ organisierte gemeinsam mit den lokalen Behörden die Evakuierung. Frauen, Kinder, Alte – alle wurden mit Booten in weniger betroffene Orte wie Toch und Paguir gebracht. Auch unsere Gemeinschaft wurde etwa 45 Minuten entfernt nach Paguir evakuiert. Unsere Kirche, unsere Schule, unsere Häuser – alles stand unter Wasser. Nach Angaben der Vereinten Nationen waren und sind Hunderttausende Menschen im Südsudan von diesen Überschwemmungen betroffen. Ganze Landstriche und die Felder stehen unter Wasser. Gesundheitsstationen und Bildungseinrichtungen wurden zerstört. Der Zugang zu Nahrung, sauberem Wasser und medizinischer Versorgung ist vielerorts unterbrochen. Die gute Nachricht ist: Der Damm wurde inzwischen repariert. Doch es wird noch lange brauchen, bis sich das Wasser vollständig zurückgezogen hat. Pumpen sollen helfen, die Flächen trockenzulegen. Dennoch ist auch für uns klar, dass eine Rückkehr auf unsere Missionsstation nach Old Fangak nicht so bald möglich sein wird.
Als wir in unserem Zufluchtsort Paguir ankamen, stellte man uns zwei kleine Hütten zur Verfügung. Auch für uns Missionare war das, was wir retten konnten, kaum ausreichend. Mit Hilfe vieler wohlwollender Menschen begannen wir, aus Holz, Lehm und Gras neue einfache Unterkünfte zu bauen: kleine Hütten für uns, eine Küche, einen Speiseraum, ein Lager, eine Latrine. Wir errichteten einen Zaun um unser neues Zuhause, um das Gelände irgendwie zu sichern. Schritt für Schritt entstand ein neuer Anfang. Nach fünf Monaten haben wir uns hier irgendwie eingelebt. Es ist ein schlichter, bescheidener Neuanfang. Aber wir haben zumindest das Nötigste, was wir zum Leben und für unsere Arbeit brauchen. Unser Alltag ist einfach. Frauen holen täglich Wasser vom Brunnen. Eine Köchin bereitet unsere Mahlzeiten zu. Wir sind umgeben von Menschen, die uns mit großer Herzlichkeit unterstützen. Trotz allem geht die pastorale Arbeit auch in dieser neuen Situation weiter. Das Dorf Paguir war bereits vorher eine Kapellengemeinde unserer Pfarrei. Gemeinsam mit unseren Katechisten besuchen wir auch von hier aus die kleinen christlichen Gemeinschaften, unterrichten im Katechismus, bereiten Kinder und Jugendliche auf die Sakramente vor und bieten Möglichkeiten zum Schulbesuch an. Die Menschen dürsten gerade jetzt nach dem Wort Gottes, das ihrem Leben wie der ein wenig Hoffnung und Sinn schenkt.
Auf unseren Hilferuf hin, die zerstörte Mission wieder aufzubauen, haben viele Menschen großzügig reagiert. Diese Solidarität hat mich tief bewegt. Dank der Spenden können wir unsere Evangelisierungsarbeit unter den Ärmsten fortsetzen und durch unser Engagement ihrem Leben wieder zu einer Würde verhelfen. Natürlich wollen wir eines Tages auf unsere Missionsstation nach Old Fangak zurückzukehren. Doch im Moment bin ich einfach dankbar, hier zu sein und das Schicksal mit Menschen zu teilen, die alles verloren haben. Inmitten von Schlamm und Unsicherheit wächst die Hoffnung auf einen Neubeginn. Wie im Gleichnis vom Senfkorn im Evangelium glaube ich fest daran, dass aus diesem einem kleinen Samen wieder ein starker Baum werden kann. Christus ist unser Licht – auch in diesen dunklen Stunden.
Pater Stefano Trevisan, mccj