Hab Mut. Baue mein Haus!

Während der Weihnachtsferien im Dezember 1992 besuchte ich mit den Jugendlichen meiner Heimatgemeinde die Stadt Assisi (Italien). Wir waren begeistert von der Figur des heiligen Franz von Assisi. Beim Besuch der kleinen Einsiedelei von St. Damiano hörten wir, dass das Kruzifix mit dem hl. Franziskus dort sprach und ihm sagte: „Baue mein Haus“. Diese Worte hallten auch in meinem Herzen wider, als ich Student in einem technischen Institut für Baukonstruktionen war. Mir war schon klar, dass ich im Leben mehr wollte als nur Häuser zu bauen. Darüber hinaus erkannte ich, dass Beziehungen fruchtbar sein werden, wenn sie auf der Liebe zu Gott aufbauen.

Ich erinnerte mich noch gut an das Requiem für meinen Onkel, der am 27. Juli 1991 in Ecuador verstorben war. Der Bruder meiner Großmutter war in Ecuador als Missionar im Einsatz gewesen. Als ich aufwuchs, war er mein großes Vorbild, und ich bewunderte sein Lebenszeugnis. Beim Requiem war ich völlig aufgewühlt, da ich ihn nun nicht mehr sehen und um Rat fragen konnte, da ich den Wunsch hatte, in seine Fußstapfen zu treten. Bei diesem Anlass fand ich jedoch Trost beim Blick auf den Tabernakel, und ich vertraute darauf, dass Er mir den Weg weisen würde.

In diesen Jahren fand ich viel Freude in meinem Engagement in der Gemeinde. Ich war in der Jugendgruppe der Pfarrei aktiv und fühlte eine Art von Berufung, den von der Gruppe marginalisierten Jugendlichen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Ich war Lektor beim Sonntagsgottesdienst: Ich war sehr motiviert, das Wort Gottes zu verkünden, als ich seine verwandelnde Kraft spürte. Seit meiner Kindheit war ich auch Ministrant, und da ich jetzt einer der Ältesten war, hatte ich während der Liturgie mehr Verantwortung. Diese Erfahrung brachte mich dazu, einige Liturgien sehr tief zu erfahren, besonders das Ostertriduum.

Begegnung mit den Comboni-Missionaren

Im Frühling 1993 begleitete ich einen Freund, der mich zu einem Jugendtreffen im Haus der Comboni-Missionare in einer nahegelegenen Stadt eingeladen hatte. Ich wusste durch ihre Publikationen schon etwas über sie. Ich hörte auch von einigen Comboni-Missionaren: einer von ihnen war P. Egidio Ferracin, Märtyrer in Uganda, dessen Schwester in meiner Nachbarschaft lebte und dessen Neffe mein Fußballkamerad war. Vor diesem Tag klang der Name Comboni sehr exotisch. Ich wusste nur, dass sie Missionare in Afrika waren. Bei diesem Treffen lernte ich mehr über sie, insbesondere über den Heiligen Daniel Comboni und seine Vision für die Mission in Afrika. Ich fragte mich, ob dies der Weg sein könnte, den der Herr mir angeboten hat.

Nach einem Monat ging ich zurück in die Comboni-Gemeinschaft, um den Verantwortlichen für Berufungen zu treffen, und ich bat ihn, mich bei der Beurteilung meiner Berufung zu begleiten. Ich war entschlossen, meinen Wunsch auszudrücken, als ich ein Poster sah, auf dem ein junger Mann zu Füßen des Kreuzes stand und zu Jesus sagte: „Wen kannst du jetzt senden? Bitte schicke mich“. Das Selbstvertrauen dieses jungen Mannes ermutigte mich. An diesem Tag erlebte ich große Freude und Befreiung. Zu Hause habe ich auch mit meinen Eltern darüber gesprochen. Ich stellte fest, dass es für sie keine völlige Überraschung war. Sie hatten es vorhergesehen und irgendwie auch befürchtet. Sie stimmten aber zu und begleiteten mich auf dem Weg meiner Berufung, den ich begonnen hatte. Während dieses ganzen Jahres war ich Zeuge, wie der Herr durch meine Berufung auch sie aufrief, ihren Glauben zu vertiefen und ihren missionarischen Geist zu stärken.

Ich trat dem Seminar im September 1994 bei, und durch alle Phasen wurde mir geholfen, die Beweggründe für meine Berufung zu vertiefen, um als Mensch mit einem gesunden spirituellen Leben und Wissen zu wachsen. Während dieser Zeit der Ausbildung reifte auch mein Interesse und die Sorge für die Menschen und die Mission in Afrika, insbesondere im Südsudan. Am 4. September 2004 wurde ich von einem Franziskanerbischof ordiniert und in den Südsudan entsandt. Ich fühlte mich einfach dankbar dafür, wie der Herr alles in meinem Leben geschehen ließ. Alles hatte einen Sinn.

Begegnung mit den Menschen

Ich kam im Jahr des umfassenden Friedensabkommens (2005) im Südsudan an – ein Jahr der großen Hoffnung – und ich wurde entsandt, um in der Mission von Old Fangak (Bundesstaat Jonglei) eine neue Comboni-Gemeinschaft aufzubauen. Die Menschen begrüßten mich herzlich, und ebenso die Mitbrüder: Ich habe viel von ihnen gelernt. Trotzdem war die erste Zeit nicht einfach: Ich musste mich sehr anstrengen, um mit der Situation dieser Leute unter sehr armen Umständen fertig zu werden und meinen Platz zu finden oder besser zu verstehen, welche Art von Beitrag ich anbieten konnte.

Am Anfang wusste ich nicht, was ich tun sollte, aber es war klar, wo ich anfangen musste: ihre Sprache zu lernen. Also habe ich mich sehr angestrengt, um die Nuer-Sprache zu lernen. Ich lernte auch, geduldig zu sein und mich auf die Menschen einzustellen. In den ersten Jahren waren wir auch damit beschäftigt, die Strukturen der neuen Mission in semipermanentem Material zu errichten. Wir zählten dabei auf die freiwillige Mitarbeit der Christen unter der Leitung von Bruder Raniero Iacomella. Es war eine großartige Gelegenheit, sich zu zusammenzutun und miteinander zu arbeiten.

Fr. Antonio La Braca ging es hauptsächlich darum, mich in die pastorale Arbeit einzuführen. Das erste, was er tat, war, mich herumzuführen, um alle Kapellen und Zentren der Pfarrei zu besuchen (ungefähr 60). Es dauerte fast anderthalb Jahre, denn die meisten Orte sind erst nach tagelangen Märschen durch den Busch und Sümpfe erreichbar. Jede Kapelle war als Kleine Christliche Gemeinschaft organisiert, die von einem Katechisten begleitet wurde: die meisten Orte konnte der Priester nur ein- oder zweimal pro Jahr erreichen. Während dieser Besuche wurden wir von Katechisten, Frauen und Jugendlichen begleitet.

Sobald ich mit der Sprache vertraut war, konnte ich Hand an ein anderes Gebäude legen: das spirituelle Gebäude der Christlichen Gemeinden, die Leitung, Koordination und Ermutigung benötigte. Christliche Gemeinschaften gab es tatsächlich schon vor der Ankunft der Missionare dort, aber sie standen vor vielen Herausforderungen. Kapellen und Zentren waren sehr voneinander getrennt, so dass ich viel arbeiten musste, um sie durch die Aktivitäten der Jugend, einen gemeinsamen Pastoralplan und einen Veranstaltungskalender zusammenzubringen. Dann stellte ich fest, dass Katechisten und kirchliches Leitungspersonal spirituelle und katechetische Bildung benötigten. Deshalb boten wir im Gemeindezentrum ein umfangreiches Kursprogramm für die verschiedenen Gruppen der Pfarrei an.

Tatsächlich sind Beziehungen eher der Schlüssel für eine fruchtbare Mission als viele andere Unternehmungen. Wir müssen nahe bei den Menschen und ihren täglichen Kämpfen sein. Wir müssen auch den Geist der Gemeinschaft unter den Christen fördern, damit die Kirche als eine Familie erkennbar wird, in der die Menschen ein Zugehörigkeitsgefühl haben, das über ihren Clan und ihren Stamm hinausgeht. Wenn ich auf diese zehn Jahre Pastoralarbeit zurückblicke, habe ich (persönlich) nicht viel gebaut, aber wir (zusammen) haben eine christliche Gemeinschaft aufgebaut, die im Glauben und in der Sorge füreinander gewachsen ist. Das, glaube ich, ist das Haus Jesu. Ich bin dem Herrn dankbar, dass ich in seinem Haus und mit seinem Volk leben darf.

Seit Ende Oktober 2016 bin ich jetzt Ausbilder der Gemeinschaft der Prä-Postulanten in Juba.

Pater Christian Carlassare, in „New People“

 

2018-08-27T09:24:06+00:00