Liebe Freundinnen und Freunde,
Grüße aus Bentiu im Südsudan, dem Land am Nil. Mein Einsatz hat mich gewissermaßen von der Jagst an den Nil gebracht. In diesem Brief möchte ich euch von meiner Arbeit, der Situation, den Schwierigkeiten, aber auch der Hoffnung, die trägt, berichten.
Zwei Volksgruppen – Nuer und Dinka
Die Lage im Südsudan ist nach wie vor sehr schwierig und komplex und das Leben der Menschen ist überschattet von der jahrelang andauernden politischen Instabilität. Die Bevölkerung hier in Bentiu und Umgebung lebt in extremer Armut, und von staatlicher Seite ist kein Interesse zu erkennen, dass es in absehbarer Zeit besser werden kann. Damit verbunden ist die Frage des Friedens, der hier an der Nahtstelle von zwei Volksgruppen, die sich feindlich gegenüberstehen, in den vergangenen Monaten durch zwei Massaker zunichte gemacht wurde. Der Konflikt im Land spiegelt sich direkt in unserer Diözese wider, da genau diese beiden Volksgruppen – im Norden die Dinka und in den Niederungen des Nil die Nuer – die Bewohner unserer Diözese ausmachen. Viele Menschen leben noch immer im Flüchtlingslager, nördlich von Bentiu. Im Dezember sind Wahlen angesetzt, und die Unsicherheit und Sorge um die Zukunft ist groß.
Armut
Die Armut hier hat viele Gesichter. Alle vier Wochen sehe ich Menschenmassen vor dem Haus des Commissioners (Landrat), die auf „ihre“ 80.000 SSP (Südsudanesische Pfund) ≙ 10 USD (US Dollar) warten, die keine Woche reichen. Ständig frage ich mich, wie die Menschen hier leben, denn viele überleben nur. Auf dem Markt gibt es viele meist alte Menschen, die betteln, Straßenkinder, aber auch immer wieder zwei bzw. drei aneinandergekettete Jugendliche, die das Gefängnis verlassen dürfen, um sich etwas zu erbetteln. Kinder (nicht nur) machen ihre Notdurft im Freien: Gott sei Dank hilft die Sonne und verbrennt das Hinterlassene in der Regel schnell. Doch wir hatten jetzt ein paar starke Regenfälle, so dass einige Menschen durch das Trinken des verunreinigten Wassers an Cholera gestorben sind. Der Starkregen mit Sturm hat einige Verwüstungen angerichtet. Wir sind zwar jetzt in der Regenzeit (April bis Oktober), aber die Leute hier warten auf den kontinuierlichen Landregen, damit sie wenigsten ein wenig Hirse und Mais anbauen können.
Am Rand der Welt
Obwohl ich hier scheinbar am Rande der Welt lebe, fühle ich mich am Puls des Lebens und bin auch ein bisschen glücklich hier. Meine bisherigen Afrikaerfahrungen in Kenia und im Südsudan helfen mir, die Menschen und viele Situationen zu verstehen. Ohne diese Erfahrungen wäre mein Einsatz kaum möglich. Ich kommuniziere in Englisch, das in den Schulen als erste Sprache unterrichtet wird, so gelingt auch die Kommunikation ganz gut. Allerdings schaffe ich es wohl nicht mehr, die lokale Sprache zu lernen. Nuer ist eine tonale Sprache, in der schon kleine Unterschiede in der Betonung einen großen Unterschied für die Bedeutung des Wortes haben. Auch hat die Sprache eigene Schriftzeichen. Da ist sogar Arabisch, was hier auch verstanden wird, einfacher.
Menschen in Bentiu
Ich lebe hier unter Rinderhirten und Fischern, die einen ganz anderen Lebensentwurf haben als Menschen mit bäuerlichem Hintergrund, die ich vor allem von Kenia her kenne. Auch leben die Menschen hier in einer Art „Survival culture“ (Überlebenskultur), die nicht in die Zukunft plant, sondern nimmt, was gerade zur Verfügung steht oder zu bekommen ist. Das merke ich auch in der Zusammenarbeit mit den Leuten, die manchmal übertriebene Vorstellungen davon haben, welchen Lohn sie für ihre Arbeit bekommen könnten. Sicherlich haben die Hilfswerke (NGOs) dazu beigetragen, die die Menschen jahrelang zu hoch bezahlt haben, weil sie sich so schnell Erfolg erhofften, nun aber nicht mehr vor Ort sind. Mit diesen viel zu hohen Gehaltserwartungen, die in keiner Weise im Verhältnis zur Leistung stehen, muss ich mich also zwangsläufig auseinandersetzen. Die Leute, mit denen ich arbeite (ehemalige Soldaten und ältere Schüler – meist über 20 Jahre alt – die sich ihr Schulgeld verdienen wollen), sind ungelernt und wenig oder kaum qualifiziert. Ursprünglich sah ich mich eher in der Rolle des Planers und Organisators der anstehenden Arbeiten. Tatsächlich bin ich aber oft selbst auf der Baustelle, um die Arbeiter anzuleiten. Immer wieder hilft mir der gesunde Menschenverstand, wenn ich wegen der herrschenden Voraussetzungen (Mangel an Materialien etc.) meine Fachkenntnisse nicht wie gewohnt einsetzen kann.
Bau erster Gebäude
Nach dem Bau des ersten Gebäudes für den Bischof sollten als Nächstes die Schulgebäude entstehen. Aber im Mai kamen vier Schwestern der Mutter Teresa (Missionarinnen der Nächstenliebe) zu uns, um den Bischof bei seiner Arbeit zu unterstützen. Dies hat den Ablauf der ganzen Bauarbeiten verändert, denn es musste in relativ kurzer Zeit ein einfacher Konvent für die Schwestern erstellt werden. Die Schwestern sind die erste Frauengemeinschaft, die hier in die Diözese kommt. Das macht Hoffnung, da sie sich vor allem um die Ärmsten der Armen kümmern werden.
Schulbau
Die Bedingungen für jegliches Bauen sind hart, und nur mit viel Geduld kommen wir voran. Natürlich habe ich meine westlich geprägten Ideen von Entwicklung über Bord werfen müssen und muss mich anpassen. Doch braucht es gewisse Voraussetzungen, um etwas Dauerhaftes aufzubauen. Der zuletzt schwere Regen und Stürme verwüsten immer wieder die notdürftigen Behausungen der Menschen, die teilweise nach jedem Regen erneuert oder wiederhergestellt werden müssen. Insgesamt haben die Bauarbeiten etwas schleppend angefangen. Zuerst war die Verbindungs-„Straße“ nach Bentiu wegen der Überschwemmungen weggeschwemmt, und erst im März konnten LKWs die lange schwierige Fahrt von der Hauptstadt Juba (1100 km) bewältigen. Die Fahrten haben sich dann hingezogen, da unbezahlte Soldaten als Wegelagerer Geld („Wegezoll“) forderten und die Fahrer lange Zeit aufhielten. Das alles schlägt sich auf die Materialkosten nieder, die klug und effektiv eingesetzt werden müssen. Der Baugrund ist mehr als schwierig, da vor allem Schlick und extrem feinkörniger Lehm den Baugrund ausmachen. Bei Regen ist alles wie ein überfluteter Acker. Insbesondere beim Bau der Schule geht es darum, die Fundamente anzuheben, so dass das Wasser während der Regenzeit nicht in die Räume eindringt. Ein weit ausladendes Dach wird verhindern, dass Regen und Sturm die Wände nass machen, die mit sonnengetrockneten Lehmsteinen hochgezogen werden. So werden wir einigermaßen kostengünstig vorankommen. Die Dachkonstruktion werden wir im September angehen. Schweißer sind hier nicht leicht zu finden. Den mit Dank erhaltenen Beitrag von St. Wolfgang in Ellwangen verwenden wir für die Schulmöbel. Das Material wie Holz und Stahl dafür konnte ich mit einem LKW in der Stadt Wau besorgen. Insgesamt wird der Bau der Schule sehr positiv wahrgenommen und macht den Menschen hier Mut und Hoffnung. Denn Bildung wird hier als hoher Wert betrachtet, der Türen öffnet.
Projekte und Arbeiten, die ich derzeit begleite
- Neubau einer zweizügigen Primary School, der von der Gemeinde St. Wolfgang, Freunden der Comboni-Missionare, dem Kindermissionswerk und Missio Austria unterstützt wird.
- Sportplatz für die Schule mit Jugendzentrum
- Konvent/Unterkunft für die Schwestern der Mutter Teresa
- Wasserbrunnen in Rubkona und Bentiu
- Arbeiten am Bischofshaus
- Bäckerei für die Verpflegung der Schülerinnen und Schüler, da immer wieder die Schulspeisung ausfällt
- Reparaturarbeiten an bestehenden Gebäuden
- Fertigstellung der Kirche in Pariang, im Norden der Diözese (Dinka Gebiet)
- Neubau der Kirche in Pibor im Westen der Diözese (Nuer-Gebiet)
- Stück Land als Modell zur Stärkung des Umweltbewusstseins: „Laudato Si“-Bereich
Mir ist bewusst, dass mein Beitrag hier ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Aber ich mache meinen Dienst gern, ich sehe Sinn darin und er bringt die Hoffnung voran, die auch die Leute hier trägt. Ich bekomme hier die veränderte Situation in Europa ein wenig mit. Hitze und Waldbrände machen große Sorgen, und ich weiß, was es bedeutet, wenn den ganzen Tag die Kleidung am Körper klebt.
Mit Dank und in Verbundenheit
Euer Bruder Hans Eigner, mccj