Missionarinnen und Missionare unterstützen vor Ort, koordinieren, bauen Schulen, Kirchen, Krankenhäuser, sind Seelsorger, Lehrer, Ärzte, Ingenieure – und teilen ihren Glauben. Wie sieht ihr Alltag aus?
Ein Missionar ist heute für die meisten Menschen jemand mit kirchlichem Hintergrund, der oder die für längere Zeit „in der Mission“, meist in Afrika, Südamerika oder Asien arbeitet. Das Bild des klassischen Missionars, dessen Aufgabe die Verkündigung des Wortes Gottes ist, entstammt dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, wo Mission oft mit Kolonialismus und kulturellem Dominanzdenken verknüpft war. Missionare sahen sich als „Wegbereiter der wahren Zivilisation und des wahren Glaubens“.
Heute stehen der interkulturelle Dialog und partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen den Kirchen weltweit im Vordergrund. Den Missionsorden geht es um die Stärkung der lokalen Strukturen und das gemeinsame Eintreten für soziale Gerechtigkeit und Frieden. Humanitäre Hilfe, Entwicklungszusammenarbeit, Bildung und Gesundheitswesen sind die Bereiche, wo sich Missionarinnen und Missionare engagieren. So werden mit Spendengeldern Kirchen, Krankenhäuser und Schulen gebaut, die lokale Infrastruktur wird gestützt, verbessert oder erst aufgebaut.
Der Wandel vom scheinbar überlegenen Glaubens- und Kulturbringer hin zum Partner und Begleiter bei der Bewältigung auch durch die Kolonialzeit entstandenen wirtschaftlichen, politischen und strukturellen Probleme hat sich – insbesondere in den afrikanischen Ländern – vollzogen. Die Orden mussten sich anpassen, nicht nur im Hinblick auf eine postkoloniale Realität. Schwindende Zahlen bei den Berufungen, multinationale Gemeinschaften und personelle Ressourcen wirken sich auf die Ordenslandschaft aus. Interkulturalität wird als Bereicherung gesehen, der Einsatz für Menschen am Rande der Gesellschaft ist für viele Orden eine vorrangige Aufgabe. Das deckt sich auch mit dem Charisma der Comboni-Missionare.
So schreibt Comboni-Missionar Pater Gregor Schmidt: „Missionare sind von Gott berufen und in die Welt gesandt, um Zeugen des Evangeliums zu sein. Es sind Ordensleute, die an der Peripherie der Kirche arbeiten. Weil sie im ,Grenzbereich’ leben, überschreiten sie Grenzen und werden so zu Brückenbauern. Missionare leben oft unter Völkern und Menschen, die von der Gesellschaft ausgegrenzt sind. In den Anfängen des Christentums konvertierten viele Arme und Sklaven, weil sie in der Kirche einen Schutzraum fanden. Denn Gott gibt denjenigen Würde, die schutzlos sind. In der Geschichte wurde die Mission immer dann im Sinne des Evangeliums praktiziert, wenn sowohl der Glaube als auch ein würdiges Leben auf der Erde als ganzheitliches Geschenk vermittelt wurden.”
Die Comboni-Missionare leben nach dem Vorbild ihres Gründers, Bischof Daniel Comboni, der zu den großen Missionaren Afrikas zählt. Die Nähe zu den Menschen, besonders der Armen, ist eine wichtige Quelle der Comboni-Spiritualität.
Dass heute sogar die Arbeitsagentur den Beruf des Missionars bzw. der Missionarin als Weiterbildungsberuf bezeichnet, stimmt in diesem Kontext hoffnungsvoll. Ulrike Lindner
Missionar:in sein im 21. Jahrundert
Schwester Gertrud Höggerl in Äthiopien
Abwechslung und Unverhofftes
„Sister, Sister!“ so rufen uns oft Kinder winkend auf dem Schulweg zu und warten darauf, dass meine ugandische Mitschwester und ich zurückwinken. Die helle Freude darüber in ihren Gesichtern zu sehen, ist wahrhaft ansteckend. Das sind die kleinen Freuden im Alltag als Schulleiterin im hügeligen Hochland und Kaffee-Anbaugebiet Süd-Äthiopiens. Das lässt mich die Herausforderungen dieser ländlichen Gegend vergessen, wo es an vielem mangelt. So bekommt man hier in den kleinen Verkaufsläden zwar Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln, Karotten und Tomaten. Anderes aber nur in der nächstgrößeren Sadt, nach mindestens drei Stunden Autofahrt über holprige oder lehmige Straßen.
Wir sind eine vierköpfige Gemeinschaft von Comboni-Schwestern im Alter zwischen 30 und 84 Jahren. Der Tag beginnt meist mit dem Gottesdienst in der Pfarrkirche. Dann folgt der Schulalltag mit Sekretariatsarbeiten, Schulgeld kassieren und Verschiedenem mehr. Abwechslung und Unverhofftes gibt es genügend mit unseren mehr als 600 Schulkindern von der Vorschule bis zur achten Schulstufe.
Bei meinem nun zweiten längeren Einsatz in Äthiopien ist auch die Sprache wieder eine Herausforderung. Für meinen ersten Einsatz lernte ich Amharisch, die offizielle Amtssprache. Hier spricht die Bevölkerung jedoch Oromo, was ich nicht mehr so leicht erlernen will und kann. Zumindest das Wichtigste lasse ich mir übersetzen. Die Pfarrei mit ihren weit verstreuten 48 Außenstationen wird von den ebenso hier anwesenden Comboni-Missionaren in großen zeitlichen Abständen betreut. Wir versuchen als katholische Kirche am Wandel der Gesellschaft mitzuwirken. Sr. Gertrud Höggerl
Bruder Hans Eigner in Bentiu, Südsudan
Die Hand reichen
Meine zweite Berufung in den Südsudan ist etwas anderes als das, was ich beim ersten Einsatz 2015 kennengelernt habe. Noch kämpfe ich mit Verständigung, kulturellen Besonderheiten, Staub und Moskitos. An Hitze, Schwüle und das ungewohnte Essen habe ich mich inzwischen gewöhnt. Ich lebe einfach, aber nicht schlecht hier in Bentiu bei Bischof Christian Carlassare. Unsere Unterkunft hat einen typischen Fußboden, der mit Mist, Blättern und Lehm von Frauen gestampft und geschmiert wurde.
Woran man sich nicht so leicht gewöhnen kann, sind die offensichtlichen Widrigkeiten, mit denen die Menschen hier tagtäglich zu kämpfen haben. Es sind nicht nur die bekannten Themen wie Bürgerkrieg, Korruption, Hunger und Vertreibung. Hier haben wir es zusätzlich mit der Abhängigkeit von – nicht garantierter – humanitärer Hilfe, dem Verlust von Haus und Hof durch die inzwischen Jahre anhaltende Überflutung und der Willkür des Militärs bzw. der „Autoritäten“ zu tun.
Vorsorgen können die Menschen hier nicht. An morgen wird morgen gedacht. Hans Eigner
Alles, so kann man sagen, ist mangelhaft und jede Initiative erfordert große Anstrengungen. Mit einem absoluten Minimum an Lebensmitteln, Hausrat und Behausung schlagen die Menschen sich durch. Wenn sie etwas bekommen, müssen sie es mit anderen teilen, damit jeder und jede etwas bekommt. Vorsorgen können die Menschen hier nicht. An morgen wird morgen gedacht.
Was mich beeindruckt, ist, dass die Menschen trotz Mangel und Not ihre Würde und Hoffnung nicht verlieren. Auch ein Lachen ist nicht selten. Das bewegt mich und motiviert mich bei aller Sorge, nicht nur eine Schule zu bauen, sondern vielerorts die Hand zu reichen. Br. Hans Eigner
Pater Gregor Schmidt in Juba, Südsudan
Im „Dreiklang“ der Mission
Ich arbeite seit 16 Jahren im Südsudan, dessen Bevölkerung in einen Bürgerkrieg verwickelt ist, und leite die Comboni-Provinz seit drei Jahren. Wir verkünden den Glauben an Jesus und setzen uns für Versöhnung unter den verfeindeten Volksgruppen ein. Wir engagieren uns auch im Bildungsbereich und der medizinischen Versorgung, weil die Regierung diese Aufgaben nur rudimentär abdeckt. Viele Südsudanesen sind von Missionaren unterrichtet worden; vielen wurde das Leben in einer kirchlichen Klinik gerettet. So gibt es hier oft den „Dreiklang“ der klassischen Mission von Kirchengemeinde, Schule und Krankenhaus.
Ich habe gelernt, mit dem Nötigsten auszukommen. Gregor Schmidt
In den ersten elf Jahren meines Dienstes arbeitete ich bei dem Volk der Nuer, die im Überschwemmungsgebiet des Nil siedeln, in einer Pfarrei, die größer als so manche Diözese in Deutschland ist. Dort leben zehntausende von Katholiken versprengt in kleinen Dörfern. Die Missionare sind selten im Pfarrzentrum zusammen. Denn es ist ihre Aufgabe, von einer Dorfgemeinschaft zur nächsten zu wandern (Alternative in den Gewässern: das Kanu), damit alle Katholiken wenigstens ein- oder zweimal pro Jahr eine Messe feiern. Bei diesen Besuchen gibt es dann in der Regel eine Gruppentaufe mit bis zu 100 Kindern und erwachsenen Konvertiten.
Bei den Nuer habe ich gelernt, mit dem Nötigsten auszukommen, weil auf der Wanderung zu den Pfarreien alles in einen Rucksack passen muss. In meiner jetzigen Tätigkeit als Provinzial lebe ich auch die meiste Zeit „aus dem Koffer“, um die neun Comboni-Missionen im Südsudan zu betreuen und die Mitbrüder in ihren pastoralen Aktivitäten zu stärken. P. Gregor Schmidt
Bruder Günther Nährich in Uganda
Den Dienst gemeinsam tragen
Mein Tag beginnt meist schon vor dem Aufstehen, wenn ich in Gedanken die Tagesplanung durchgehe. Um 5.30 Uhr heißt es dann aufstehen und noch in der Stille vor dem Herrn Kraft und inneren Frieden finden – jene Quelle, aus der alles Tun des anstehenden Tages gespeist wird. Nach Morgengebet und Eucharistiefeier in der Gemeinde geht es nach einem kurzen Frühstück mit dem Fahrrad ins Büro.
Nach Sichtung der E-Mails folgt ab 8 Uhr das Management-Meeting. Ein Besuch in der Buchhaltung gehört ebenso dazu. Jeder Tag entwickelt dann seine eigene Dynamik: Besucher wollen begrüßt, Anliegen weitergeleitet, Zoom-Meetings zum Beispiel mit Projektpartnern, dem Gesundheitsministerium und anderen Behörden zu Planung und neuen Vorgaben bewältigt werden. Immer wieder taucht auch die Frage nach der langfristigen Nachhaltigkeit des großen Krankenhauses auf – ein Gedanke, den ich oft mit einem kurzen Stoßgebet in Gottes Vorsehung lege.
Zu meinen Aufgaben als Missionar gehört aber mehr als die Organisation und Führung von über 280 Mitarbeitenden und rund 140 Auszubildenden des Krankenhauses. Das ist der zwischenmenschliche und geistliche Dienst: Menschen suchen Rat, brauchen Zuspruch oder eine konkrete Hilfe; Jugendliche fragen nach Arbeit, bewerben sich für eine Ausbildung oder Unterstützung einer Geschäftsidee. Neben vielen Verwaltungstätigkeiten sind es die kurzen Begegnungen auf den Fluren, die lächelnden Grüße, der Besuch auf der Baustelle zur Ermutigung der Arbeiter, die für mich jene besondere Atmosphäre in Matany schaffen. Wo spürbar wird: Wir tragen diesen Dienst gemeinsam. Br. Günther Nährich