Nach ziemlich genau einem Jahr hier in Brasilien soll ein neuer Rundbrief auf die Reise gehen. … Hier ein paar Blitzlichter aus den verschiedenen Arbeitsfeldern:

4 Jahre Pfarrei „São Daniel Comboni“

Am Weltmissionssonntag hatte unsere Pfarrei Geburtstag. Alle 13 Gemeinden haben sich auf einem Platz zum Gottesdienst versammelt und jede war für einen Teil der Messe verantwortlich. Es war ein frohes

und buntes Fest. Anschließend liefen zwei Aktionen: Verkauf von typischen Speisen und Kuchen, welche die Gemeinden gespendet hatten, um Geld für die Romaria (Wallfahrt) zusammen zu bekommen. Die andere Aktion war viel gewaltiger: Verlosung von 20 Preisen (Mixer, Ventilator, Bügeleisen, Schnellkochtopf, Bettwäsche,…) zugunsten der Katechese. Es wurden etwa 1.500 Punkte verkauft. Die Preise haben die Gemeinden gestiftet, was eine große Anstrengung war, die sich aber gelohnt hat. Jetzt hat die Katechese ein kleines Finanzpolster und kann Material anschaffen, Katecheten zu Kursen schicken, Referenten das Fahrgeld erstatten etc. Der Erlös hätte größer sein können, wenn sich alle Gemeinden in gleicher Weise angestrengt hätten, die Punkte unter die Leute zu bringen. Doch es war eine erste Erfahrung und so eine Aktion soll es jetzt jedes Jahr geben, jedes Mal für eine besonderen Zweck.

Im November war die Klausurtagung des Pfarrgemeinderates, wo Vertreter aller Basisgemeinden und der verschiedenen Pastoral (Kinder, Frauen, Jugend, Katechese, Zehnter, Taufe, Gesundheit, Familien mit Kleinkindern) teilgenommen haben. Freitagabend haben wir uns mit einem kritischen Jahresrückblick der Basisgemeinden, dem Dokument der lateinamerikanischen Bischofskonferenz in Aparecida und den Träumen der Pastoralen eingestimmt. Alles mit Texten, Fotos, Karikaturen oder Bilder in Powerpoint produziert, um die Dinge konzentriert darzustellen. Zusammen mit Jose war ich für diesen Teil verantwortlich und habe gestaunt, was ich alles am Computer zustande bringe, wenn es nötig ist. Samstag ging es dann um eine Auseinandersetzung verschiedener Gemeinde-/Kirchenmodelle und wo wir unsere Akzente als Comboni-Pfarrei sehen und setzen wollen. Wir haben ein Ziel für die nächsten vier Jahre formuliert und uns für zwei Prioritäten entschieden. Das war sehr spannend und hat mich an Gemeinde im Aufbruch erinnert. Sonntag wurde davon ausgehend ein Jahresplan der gemeinsamen Aktivitäten entworfen. Übrigens wollen wir das Profil einer Missionarisch-Samaritanischen Kirche entwickeln.

Jugendbanden – Weg ohne Rückkehr?

Barbara Ludewig und Jugendliche

Heute Morgen fiel mir das Aufstehen schwer. War körperlich total k.o. aber innerlich zufrieden und erfüllt vom gestrigen Patronatsfest. Während des Frühstücks kam Dona Rosário vorbei und erzählte, dass es in der Nacht eine Schießerei zwischen zwei Jugendbanden gegeben hätte, wobei drei Menschen umgebracht wurden. Auf dem Platz vorm Projekt traf ich Talison, 14 Jahre, der betroffen mitteilte, dass „Kareka“ unter den Opfern sei. Kareka (Spitzname) ist 20 Jahre und wurde viele Jahre in der Pastoral do Menor begleitet. Er wurde zum Drogenentzug geschickt. Im Anschluss war es möglich, ihn in einen Kurs im Zentrum zu integrieren, die Pastoral half bei den Fahrtkosten. Danach ließ er sich aufs Neue mit den alten „Kumpels“ ein, das heißt wieder Drogen, Kleinkriminalität, Bandenkämpfe… Anfang des Jahres hackte ihm dabei jemand einen Finger ab – so lernte ich ihn kennen. Vor 14 Tagen hatten wir kurzfristig die Möglichkeit, einige Jugendliche zu einem Berufsgrundkurs vorzuschlagen, nach dessen Beendigung die Teilnehmer wenigstens für einige Monate einen Arbeitsplatz bekommen können. (Programm „1. Arbeitsplatz“). Als ich ihn vom Fernseher wegrief, kramte er seine Dokumente zusammen und rannte sofort los, um sich einzuschreiben – leider kam er zu spät und erwischte keinen Platz mehr.

Und heute ist für ihn (zumindest hier auf dieser Erde) alles zu spät, denn er liegt mit zwei Kopfschüssen im Sarg, im Haus der Mutter aufgebahrt und während ich mir das von der Seele schreibe, wird er beerdigt. Ich habe heute nicht die Kraft, dabei zu sein. Übrigens gab es nicht nur drei Opfer, sondern vier, denn ein Taxifahrer, der zufällig vorbeikam und erste Hilfe leisten wollte, wurde dabei auch erschossen.

Ich schreibe das nicht, um Euch zu beeindrucken oder zu beunruhigen. Sondern weil es mich sehr traurig macht, dass es einmal mehr nicht gelungen ist, ein „verlorenes Schaf“ zurück zu holen. Und weil ich etliche kenne, die in die gleiche Richtung marschieren, allem Anschein nach ohne Umkehrmöglichkeit. Und weil ich weiß, dass die Täter offiziell nicht bestraft werden, was Rache zur Folge haben wird, die Spirale der Gewalt angeheizt wird… Und weil das ein Teil des Lebens der Menschen hier am Stadtrand ist, ein sehr harter Teil des Lebens der Armen. Und die Kinder bekommen das alles in voller Brutalität und, was das Absurde ist, als ein Stück Normalität mit…

Barbara Ludewig mit Jugendlichen aus der Pfarrei

Pastoral do Menor

Ende November wurde das erste Projekt in Trägerschaft unseres Vereins bewilligt! Es war ein harter und langer Weg, doch jetzt haben wir die Dokumente beisammen (brauchen sie „nur“ auf dem Laufenden halten)! Das gibt Schwung und Spielraum, um dran zu bleiben und weitere Versuche zu starten. Nächsten Samstag wollen wir im „Casinha“ (Projekt „Ein Licht für die Zukunft“) mit ca. 80 Kindern und Eltern einen Tag in einem Freizeitclub verbringen, wo sie nach Belieben baden, Fußball spielen, schaukeln, … können. Nach vier Absagen hat eine Gewerkschaft ihren Club dafür zur Verfügung gestellt. Es ist die dritte größere Aktion, wo die Eltern einbezogen werden, um die familiären Bindungen zu stärken, mit den Eltern (meist Müttern) auch mal zwanglos ins Gespräch zu kommen, das Vertrauen in die gemeinsame Arbeit zu stärken, … Mal sehen, was wir für den Imbiss aushecken … Es soll ein schöner Tag werden und die Kinder sind schon ganz „heiß“.

Barbara Ludewig bei einer Familie

Die Arbeit mit Fußball und Capoeira läuft recht gut, die ehrenamtlichen Jugendlichen sind ein ganzes Stück in ihre Rolle hineingewachsen. Mit der Bewilligung des Projektes wird es möglich sein, ihre Arbeit im bescheidenen Maß zu honorieren. Da auch ihre Familien ums Überleben kämpfen, ist das nötig. Als wir beim letzten Monatstreffen der Pastoral über unsere beruflichen Träume gesprochen haben, haben diese Jugendlichen alle geäußert, studieren zu wollen. Dafür brauchen sie ein eigenes Einkommen, denn die Familien sind nicht in der Lage, etwas zu den nötigen Studiengebühren, Materialien, Fahrgeld, … beizutragen. Ein Vorschlag ist, den Erlös vom Benefizkonzert der Chemnitzer Jugendlichen in eine Studienunterstützung zu investieren, was meint Ihr?

Ein Höhepunkt für die Pastoral do Menor war der Gemeindegottesdienst Ende Oktober, wo wir den 20. Geburtstag der Pastoral feiern konnten. Unsere Kinder und Jugendlichen, die sonst kaum mal eine Kirche betreten, haben die Messe aktiv mitgestaltet (inszeniertes Evangelium, Choreografie, ein Lied vorgesungen, großes Plakat gestaltet, Evangelium hereingetragen) und waren sehr stolz auf sich. Etliche Eltern haben mitgefeiert, sogar einige Familien anderer Kirchen (wir würden Sekten sagen). Das sind kleine Schritte, aber Schritte in eine gute Richtung. Froh waren wir, dass zum Beispiel der Capoeiralehrer die Lesung gelesen hat, die Familien zum Schluss extra gesegnet wurden, die Namen der Gewaltopfer einzeln genannt worden – so kommen sich Alltag und „Kirche“ sowie Pastoral und Gemeinde ein Stück näher.

Näharbeiten in Brasilien

Ein echtes Hoffnungszeichen ist die Frauengruppe, die sich unterm dem Dach der Pastoral aus einem Nähkurs zu einer Produktionsgruppe/Kooperative entwickelt. Es sind etwa 15 Frauen und sie bekommen viele Aufträge für T-Shirts verschiedenster Kongresse oder Aktionen. Daneben nähen sie Kleidungsstücke, die sie auf dem monatlichen Solidaritätsmarkt der Stadt bzw. im Wohnviertel anbieten. Neben dem Verdienst, der das Familieneinkommen stabilisiert, ist das Selbstbewusstsein der Frauen der größte Gewinn, denn auch dies kommt der ganzen Familie zugute.

Bibelkurs „Gerechtigkeit und Frieden in den synoptischen Evangelien“

Im September hatte ich die Chance, 5 Tage an einem Bibelkurs im Strandhaus der Comboni-Missionare teilzunehmen. Die Umgebung war herrlich (Morgengebet mit Meeresrauschen), die Teilnehmer hochmotivierte Laien aus verschiedenen Basisgemeinden des ganzen Bundeslandes und der Referent exzellent. Zu Beginn lernten wir die politischen, ökonomischen und sozialen Strukturen der Zeit Jesu kennen und waren beeindruckt über die Parallelen zu heute. Wir verstanden, dass im jüdischen Kontext jener Zeit die Gesellschaft in „rein“ und „unrein“, „gerechte“ und „ungerechte“ getrennt wurde. Wir fragten uns, ob wir nicht derselben Versuchung unterliegen, die Menschen einzuteilen in die „Dazugehörenden“ und die „Anderen“? – Jesus hat sich immer auf die Seite der „Anderen“ gestellt, der Ausgeschlossenen, Sünder, Unreinen. Er hat sich genau diese Leute ausgesucht, um seine Mission zu erfüllen. Und wir? Haben wir den Mut, den „Anderen, Armen, Unreinen“ von heute die Mission Jesu anzuvertrauen? Haben wir die Demut aus unserer gewohnten Welt „herabzusteigen“, um uns berühren zu lassen und zu teilen? Oder bleiben wir lieber unter uns „Reinen“? – Es ist schwer für mich, das für Euch wiederzugeben, es waren quasi Exerzitien. Ein tiefes sich-identifizieren mit der Haltung Jesu und seinem gradlinigem Einsatz für jene, die in den herrschenden Gesellschaftsstrukturen außen vor blieben. Und mit seiner Einladung zu einem radikalen Wandel, zu völlig neuen Beziehungen. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung im nächsten Jahr, die ich auf keinen Fall verpassen möchte!

Zu Hause, Freunde, Privates

Barbara Ludewig, Elisangela und Freunde

Seit dem vergangenen Wochenende haben wir nun endlich ein paar wunderschöne Grünpflanzen im Hinterhof und wann immer ich 10 Minuten Zeit habe, setze ich mich daneben und atme auf. Auch jetzt, schon fast im Dunkeln, bin ich mit dem Laptop neben den Pflanzen. Fragt mich nicht, warum das solange gedauert hat mit der Begrünung, das ist eben so in Maranhão, da mahlen die Mühlen langsamer…

Barbara Ludewig mit Elisangela

Elisângela kämpft tapfer und mit viel innerer Kraft gegen die Goliats „Gefängnissystem, Korruption, politischer Machtkampf“ und sieht quasi nichts von Früchten der Arbeit, eher wachsen immer neue Dornen… Bitte begleitet sie mit Eurem Gebet!!

Ruy hat eine Odyssee durchs öffentliche Gesundheitswesen noch nicht ganz hinter sich gebracht, nachdem er sich Ende August den Arm böse gebrochen hat und operierte werden musste. Drei Tage jeweils im Morgengrauen ist er nüchtern ins Krankenhaus am anderen Stadtende gepilgert und wegen großen Andrangs spätabends unverrichteter Dinge wieder nach Hause geschickt worden. (Es gibt dort vielleicht 10 Stühle, die man gern denen überlässt, die sich vor Schmerzen winden oder ernstere Krankheiten haben.) Am vierten Tag haben wir dann die Beziehungen spielen lassen und für den 7. Tag einen Termin beim Chef desselben Krankenhauses bekommen, der dann auch wirklich die Türen zum OP geöffnet hat. Nach zwei Nächten auf einer Pritsche im Korridor kam Ruy wieder nach Hause. Seitdem war er dreimal zur Kontrolle bestellt, hat aber nie den Operateur angetroffen und die anderen Ärzte haben nichts wegen Physiotherapie oder weiterer OP (die 8 Nägel und zwei Platten werden ja nicht ewig drin bleiben?) sagen oder entscheiden können.

Ich selbst kann kaum glauben, dass ich schon wieder ein ganzes Jahr hier bin. Die Zeit vergeht rasend schnell, der Tag könnte gut ein paar Stunden mehr haben und dennoch bliebe so viel, was wichtig wäre auf der Strecke… Was mir nicht leicht fällt ist, mich auf einige Aufgaben zu beschränken und anderes zu lassen, denn mir liegt so vieles wirklich am Herzen und ich tue es gern. Zum Glück habe ich gesundheitlich keine Probleme und wenn ich nur genügend Schlaf habe, hält mein Körper ne Menge aus.

Eher kommt die Seele zu kurz, denn obwohl man sagt, den Seinen gibt’s der Herr im Schlafe, reicht mir das zum Tanken nicht aus.

Würde mich wieder über ein paar kurze Feedbacks freuen bzw. was Euch besonders interessiert, worüber ich mal berichten könnte.

In herzlicher Verbundenheit

Barbara