Roland Rederlechner war bis 1989 Schüler im Missionshaus Milland in Brixen. Eine Zeit, die für ihn „eine wichtige Schule fürs Leben“ war und an die er sich gern erinnert.
Manche Orte verlassen wir nie ganz – selbst dann nicht, wenn viele Jahre vergangen sind. Für mich ist das Missionshaus Milland ein solcher Ort. Es war eine Zeit, die mich geprägt hat und deren Spuren bis heute in meinem Leben sichtbar sind.
Als Schüler kam ich gemeinsam mit meinem Bruder, meinem Cousin und mehreren Freunden aus Ahornach ins Schülerheim des Herz-Jesu-Missionshauses Milland. Den Anstoß gab eine Missionspredigt von Pater Falk, die viele Eltern überzeugte. Die ersten Wochen und Monate waren nicht leicht. Doch langsam entstand ein Gefühl von Zugehörigkeit, und aus dem Missionshaus wurde Schritt für Schritt ein Stück Heimat. Ich besuchte die Mittelschule Michael Pacher und gewöhnte mich an den klar geregelten Alltag. Struktur spielte im Missionshaus eine zentrale Rolle. Der Tagesablauf war verlässlich geordnet, mit festen Zeiten für Schule, Lernen, Arbeit und Freizeit. Jeder hatte seine Aufgaben. Wir halfen im Hof mit, sammelten Kartoffeln oder arbeiteten in der Küche beim Abspülen.
Gerade in meiner heutigen Arbeit mit Kindern wird mir immer wieder bewusst, wie wichtig solche Strukturen sind. Kinder brauchen Orientierung und Verlässlichkeit, um sich gut entwickeln zu können. Wir waren die letzte Generation, die dieses Schülerheim erleben durfte. Dieser Gedanke erfüllt mich heute mit einer besonderen Dankbarkeit. Was diese Zeit jedoch vor allem geprägt hat, war die Gemeinschaft. Wir lebten eng zusammen und teilten unseren Alltag. Auch die Gemeinschaft mit den Brüdern und Missionaren gehörte selbstverständlich dazu. Unvergesslich sind auch die vielen kleinen Abenteuer, die unseren Alltag bereicherten. Dazu gehörte das wöchentliche Volleyballspiel mit Pater Gamper ebenso wie das heimliche Kirschenpflücken im späten Frühjahr, wenn wir uns davonschlichen.
In lebhafter Erinnerung sind mir bis heute auch einige Menschen geblieben: Frau Anna, die ich wegen ihres Pendelns und ihrer Kräuterkunde bewunderte, Bruder Linus, der aus alten Fahrrädern mit großer Geduld wieder neue machte – ein erstaunlich moderner Gedanke, wie ich heute finde.
Nach zwei Jahren Oberschule schloss das Missionshaus schließlich seine Türen, und ich setzte meine Schulzeit im Schülerheim Neustift fort, das mir damals viel größer und unpersönlicher erschien. Damit ging ein wichtiger Abschnitt meines Lebens zu Ende. Nach der Matura führte mich mein Weg nach Brixen, wo ich Theologie studierte. Dort heiratete ich meine Frau Barbara, und wir beschlossen, hier zu bleiben. Manchmal staune ich selbst über die Wege des Lebens: Ganz in der Nähe der Stelle, an der wir früher heimlich Kirschen gepflückt haben, steht heute unser Haus.
Neben unseren vier eigenen Kindern nehmen wir seit vielen Jahren Pflegekinder in unsere Familie auf. Heute glaube ich, dass auch meine Zeit im Missionshaus dazu beigetragen hat. Die Missionare haben uns gezeigt, dass man nicht nur für sich selbst lebt, sondern auch Verantwortung für andere übernehmen kann. Vielleicht war es gerade dieser missionarische Gedanke, der uns später geholfen hat, unsere Türen für andere Kinder zu öffnen. Und so wirkt das Missionshaus bis heute weiter – leise, aber spürbar – in meinem Leben.
Roland Rederlechner