Einer dieser Augenblicke…

Pater Jean Bosco Gakirage, ein Tutsi aus Ruanda, schreibt von „einem dieser Augenblicke, die dem Leben eine besondere Bedeutung geben.“ Pater Jean Bosco verdankt seinen Weg einem deutschen Arzt, der ihm zuerst sein Medizinstudium finanziert und ihn dann auf dem Weg zum Priestertum begleitet hat.

Es war einer dieser Augenblicke, die dem Leben eine besondere Bedeutung geben. Ich stand früh auf,  um vor Sonnenaufgang etwas zu meditieren. Also  kroch ich aus dem Bett und ging mit einem Plastikstuhl nach draußen. In der Dunkelheit suchte ich meinen Weg. Der Mond und die Sterne übergaben gerade die Wache an die Sonne. Ich konnte den Gesang der Vögel und das Gezirpe der Grillen hören. Die Vögel sangen ihre eigene Melodie an ihrem Platz in den Bäumen, wo jeder Bewohner den Raum und den Zweig seines Nachbarn achtet. Jeder sang an seinem Platz, so dass meine Vorstellungskraft jedes Lied dem einzelnen Vogel zuordnen konnte, der Teil dieser morgendlichen Natursymphonie war. Ein paar Lichtstrahlen fielen durch das Laubdach der riesigen Bäume mit ihren langen Ästen, bevor sie auf den Erdboden trafen, der hungrig war nach dem Licht.
Genau in diesem Augenblick glaubte ich dunkle Schemen zu sehen, die sich bewegten. Ist dies ein Traum, spielt die Phantasie mir einen Streich? Die Füße der kleinen Gestalten bewegten sich schnell, gerade so, als wollten sie den Boden nicht berühren. Ich schaute noch einmal hin und begann, die sich bewegenden menschlichen Umrisse zu zählen, um sicher zu gehen, dass es nicht die Frucht eines Traumes oder Einbildung war.
Tatsächlich, da waren die Umrisse von Kindern, die in der Dunkelheit mit Kanistern alle in eine Richtung eilten, in die Richtung des Dorfes, zur einzigen öffentlichen Wasserzapfstelle. Unser Dorf ist modern, denn es ist das einzige in der Gegend mit einer öffentlichen Zapfstelle. Mit den Augen folgte ich den Bewegungen der Kinder und wunderte mich über eine solche Fähigkeit, in der Dunkelheit leise zu laufen, um das morgendliche Rennen zur Zapfstelle zu gewinnen. Sie liefen nicht um Gold, Silber oder Bronze, sondern um etwas viel Wertvolleres: Wasser. Wasser bedeutet  Leben. Sie laufen mit Freude um dieses Wasser, und diese Freude prägt ihr Leben im frühen Kindesalter.

Anstellen für frisches Wasser

Ich nahm eine Abkürzung, um zum Brunnen zu gelangen und die ersten ankommen zu sehen, doch zu meiner Überraschung stand dort schon eine lange Reihe von gelben Kanistern, Meter um Meter ordentlich aufgereiht. Eine ganze Anzahl von Kindern war schon da. Die früher angekommenen Kinder schauten still zu, bereit, sich auf jeden zu stürzen, der es wagen sollte, die Kanister zu vertauschen. Kein Erwachsener war da, keines der Kinder sprach ein Wort, alle schauten zu, wie die Neuankömmlinge ihre leeren Kanister der Schlange hinzuzufügen, um hinter denen, die bereits dastanden, darauf zu warten, dass sie an der Reihe waren.
Die Kleinen schauten mich mit fragenden Augen an. Ein Erwachsener, so früh an der Wasserstelle, und dazu ohne Kanister? Unbeholfen blickte ich sie an und blieb instinktiv in angemessener Entfernung stehen, um nicht in den Raum der Kinder einzudringen. Ich hörte einen Jungen sagen: „Es ist der Pater.“ Da lächelten alle, und ihre weißen Zähne brachten etwas mehr Licht in das Halbdunkel, das schnell der über einem Hügel im Osten aufgehenden Sonne wich.
„Guten Morgen!“ Meine Stimme erreichte die lächelnden Kinder, die zur Antwort nickten. Ich drehte mich schnell weg, um zur Messe zu gehen an diesem Tag, der ein guter Morgen für mich geworden ist.

2017-08-25T12:35:42+00:00