(Platzhalter) junge afrikanische Frau
Hermann Bentele P. Jakob Wellenzohn
Logo der Comboni-Missionare der DSP Stefanie Dandolo
Jugendliche aus Kibremengist/Äthiopien afrikanischer Mann
Priester aus Bahir Dar (Äthiopien) Junge aus Quito / Ecuador
Albert Klingler Kind aus Kibremengist
(Platzhalter) Indigena-Frau

Zum Thema „Südsudan ist unabhängig“ ein Beitrag vom 15.01.2014:

Erfahrungsberichte von Missionaren vor Ort

Bruder Bernhard Hengl leitet in einem Schreiben vom 15. Januar einige Erfahrungsberichte von Missionaren vor Ort weiter, die die aktuelle Situation sehr eindringlich beschreiben:

Von Bill Firman, Solidarity with South Sudan SSS – Update aus Juba vom 13. Januar 2014

Wir fühlen uns in Juba ziemlich sicher und nicht bedroht.

Wenn ich letzte Woche geschrieben hätte, hätte ich gesagt, dass den Rebellen anscheinend der Antrieb fehlt und dass, obwohl die Friedensverhandlungen zu nichts führen, wahrscheinlich ein Durchbruch geschafft werden könnte. In der gegenwärtigen Situation gibt es nur Verlierer. Meldungen eines Angriffs auf Juba stellten sich als Fehlinformation heraus, die Regierung hat Bor wieder eingenommen und Bentiu soll auch bald aus Rebellenhand zurück gewonnen werden.

Einige Besorgnis erregende Vorfälle sind geschehen oder wurden geschildert. Viele der Rebellen sind Abtrünnige der Regierungsarmee (SPLA), und es scheint noch mehr Zerfall und Übertritte in dieser Armee zu geben, oft entlang ethnischer Grenzen. Viele bezweifeln wirklich, ob Salva Kiir und Reik Machar die gegnerischen Truppen tatsächlich unter Kontrolle haben. Hungrige Truppen, alkoholisierte Soldaten und von Rache angetrieben Vendettas sind Zeichen dafür, dass ein Land in die Anarchie abgleitet. Bis zur Anarchie ist es aber noch weit, in den friedlichen Landesteilen gibt es noch Nachschub, obwohl es schwieriger wird Benzin zu bekommen. Wer will schon Waren liefern, wenn sie vielleicht requiriert oder gestohlen werden?

Die Kritik an Salva Kiir wächst, und viele geben Machar wenig Zeit. Viele betrachten dies als verachtenswerten Machtkampf zwischen zwei Männern, und es scheint immer schwieriger zu werden, einen Weg aus diesem Schlamassel zu finden. Es ist schwer nachzuvollziehen, was die amerikanischen Sanktionsdrohungen bewirken sollen, außer die Not der Menschen zu verschlimmern. Was wirklich abgeschnitten werden muss ist der Waffennachschub.

Die „großen Männer“ scheinen ihre Familien schon in Nachbarländern in Sicherheit gebracht zu haben.

Alle Mitglieder unserer Gemeinschaft in an relativ sicheren Orten, wo es keine Aufstände gibt.

Ich habe verschiedene Schilderungen der vergangenen Tage im Südsudan gesammelt, um einen authentischen Eindruck der Situation hier zu vermitteln. Keiner der Gemeinschaft will das Land verlassen, und für die meisten von uns geht das Leben ganz normal weiter. Aber da ist ein größeres Bild, und ich stelle fest. Dass die internationalen Medien dem weniger Beachtung schenken. Es braucht eine starke Führung, aber die scheint niemand bieten zu können.

Berichterstattung vom 13. Januar von einem Arzt, der gerade nach Old Fangak zurückgekehrt ist, wo die Lehrerausbildung abgesagt werden musste.

Ein weiteres Boot ist mit einer Menge Menschen angekommen, tatsächlich ein Frachtkahn. Es müssen über zweihundert Menschen sein, Evakuierte aus Malakal. Unsere Leute sagen, dass wohl schon über Zehntausend angekommen sind, obwohl keiner sie gezählt hat.

Unser „Krankenhaus“ ist jetzt etwas zu groß geworden. Ich kann nicht einmal sagen, wie viele Patienten wir haben. Sie haben die Vorderseite der Veranda zum alten Hof hin entfernt. Die Menschen liegen in zwei Reihen auf Plastikplanen, die wir noch hatten – auf der ganzen Fläche vorne einschließlich der Veranda. Wir haben normalerweise fast zwanzig Betten, die Zahl ist nun auf mindestens 43 gestiegen, obwohl der Rest nicht in Betten liegt. Wir haben weitere zehn Matratzen gebracht, und jeder bekommt ein Moskitonetz und eine Decke. Ich bin so stolz auf unser Personal – jeder verletzte Patient wird gegen Tetanus geimpft. Ich vermute, sie erinnern sich an den Mann, der nach einer kleinen Verletzung durch einen Speer an Tetanus starb.

Die Leute haben mir gesagt, dass wir die UNIMISS für Old Fangak sind. Ich hoffe wirklich nicht, aber es ist unfassbar, wie voll Old Fangak ist – alle Mitarbeiter haben die Anwesen volle Angehöriger aus Malakal.

Am Freitag hatten wir großartigen Besuch. Ein Teil von Old Fangak hat den Patienten Essen gebracht. Sie haben für den Frieden gebetet und das Essen serviert, das sie zu Hause vorbereitet hatten. Was für ein berührender Anblick.

Heute kamen Patienten aus der Chirurgie des MSF–Krankenhauses in Leer zurück. Die Flut an Patienten aus Bentiu sorgte für eine solche Überfüllung , dass sie eine Entlastung brauchten – sie wählten Patienten aus unserem Bezirk und dem Bezirk Ayod aus und schickten uns fünf Patienten zu Operations-Nachsorge, tatsächlich vier, einer muss noch wegen einer Handverletzung operiert werden.

Alle sprachen von der Überfüllung in Leer und der angestiegenen Spannung.

Seit den ersten Jahren, die ich in Leer im Südsudan verbracht habe, hat sich viel verändert. Es gibt Bildung, es gibt medizinische Versorgung, es gibt so viel – mehr noch, es gibt Infrastruktur – jetzt gibt es eine Brücke über den Fluss und eine Straße. Die hat so vieles nach Leer gebracht, aber eben auch die Gefahren, so dass die Anspannung unmittelbar nach dem Fall von Bentiu nördlich des Flusses und der Stadt nahe der Ölfelder sehr groß ist.

Hier in Old Fangak sind wir nicht mit Infrastruktur gesegnet – keine Straße, keine Brücke über den Fluss.

Aber jetzt haben wir vielleicht fünfzig stationäre Patienten, kein Essen für sie, und die Versorgung mit Nachschub ist ein logistischer Alptraum. Wir haben überhaupt kein Paracetamol mehr. Schlimmer noch, ich bin nicht sicher, was uns als nächstes ausgehen wird.

P. Raimundo Rocha MCCJ aus Leer, 13. Januar 2014

Am Wochenende war viel Bewegung in Leer. Viele Wagen brachten Menschen, manche verwundete Soldaten, die alle aus Bentiu geflohen waren, besonders am Freitag und Samstag. Bentiu wird jetzt von Regierungstruppen gehalten. Die Truppen, die nach Leer gekommen waren, scheinen nach Bentiu zurückzukehren. Das bedeutet wohl, dass sie versuchen Bentiu wieder einzunehmen. Wir haben erfahren, dass sie Malakal von den Regierungstruppen zurückerobert haben. Viele Einwohner von Leer ziehen in die umliegenden Dörfer, um möglichen Angriffen zu entgehen. Sie sind von Angst übermannt. Der Markt bleibt teilweise geschlossen, es sind viele Soldaten und Polizisten anwesend. Sie befürchten Plünderungen. Die Sicherheitssituation scheint sich zu verschlechtern. Es gibt keine Kämpfe, nur Furcht, dass die Truppen Leer erreichen könnten und das tun, was sie auch in Mayom und Bentiu getan haben. Wir sind isoliert, es gibt keinen Weg hinaus. Soldaten und Jugendliche sind bereit für die Schlacht. Die Lebensumstände in Leer haben sich gewandelt.

Mögliche Szenarios: Es besteht die Angst, dass die Truppen nach Leer kommen, um die ganze Region unter ihre Kontrolle zu bekommen. Rebellensoldaten in Leer könnten die Stadt plündern und niederbrennen, bevor Regierungstruppen kommen. Dies ist eine Angst und der Grund, warum einige Menschen Leer verlassen wollen. Sie fürchten, dass sie getötet werden könnten. Ein weiteres zerstörerisches Szenario wäre, dass die Regierungstruppen kommen und Leer wegen schwerer Artillerie selbst zerstören. Es könnte auch geschehen, dass die Regierungstruppen in Bentiu bleiben oder höchstens bis zu den Ölfeldern in Tharjath vorstoßen, dass aber in Leer nichts geschieht. Dies sind nur Prognosen, die auf dem basieren, was wir hier hören.

Alles ist ungewiss und die Situation ist Besorgnis erregend. Wir Missionare erwägen, was wir tun. Wir haben nicht beschlossen, die Mission zu verlassen, aber das ist eine Möglichkeit. Die Verhandlungen in Äthiopien haben wenig Fortschritte gemacht. Gott ist unsere Hoffnung, Wir beten für den Frieden.

Vorfall am vergangenen Samstag

Wir erhielten am Samstagmittag ein neues Auto für Yambio geliefert. Ein Fahrer, Paulino, war aus Yambio gekommen. Br. Denis und er beluden den Wagen mit verschiedenen Bücherkisten – einschließlich vieler Kopien über die Geschichte des Christentums im Südsudan – und Paulino machte sich auf den Weg.

Ein paar Stunden später erhielten wir die Nachricht, dass das Auto etwa drei Stunden vor Juba von Soldaten angehalten worden war – anscheinend Regierungstruppen. Zum Glück war P. Joseph noch hier, er kannte den Gemeindepriester von Mundri, den er anrief. Der Gemeindepriester telefonierte mit den Commissioners beider Bezirke in der Nähe des Militärstützpunkts. Denis rief auch Br. Aceda in Juba an, der sich mit einflussreichen Leuten in der Gegend in Verbindung setzte.

Die Soldaten entfernten alles aus dem Auto, verlangten Geld und wollten, dass Paulino sie mit dem Wagen zu den Kämpfen in Bor bringt. Es war eine sehr angespannte und gefährliche Situation. Zu unserer großen Erleichterung erfuhren wir am nächsten Morgen von Paulino, dass er wieder auf dem Wag nach Yambio war – mit allen Waren im Auto, – vielleicht lasen sie vom Christentum! Das neue Fahrzeug und alle Waren – abzüglich 500SSP (etwas über 100 €), die die Soldaten genommen hatten – erreichte Yambio, nachdem eine Reifenpanne behoben worden war, sicher und intakt. Es war eine große Erleichterung für alle.

Juba – Abschied von P. Joseph

Sonntagabend hatten wir einen besonderen Gottesdienst und ein Abendessen zum Abschied von P. Joseph – wir begannen um fünf, da die Ausgangssperre um sechs beginnt und ab sieben streng auferlegt ist. Die Nächte in Juba sind sehr ruhig, wenn jeder zu Hause ist.

Sogar tagsüber gibt es auf den Straßen geringen Verkehr und nur wenige Fußgänger. Unsere Haushälterin und Köchin sind wieder zur Arbeit gekommen (mit einer Woche Verspätung). Auf dem Heimweg vor Weihnachten waren alle Kleider und die Dinge, die sie bei sich hatten, geraubt worden, sogar Babykleidung. Heute musste Br. Denis sie nach Hause fahren, da der Bus nicht mehr verkehrt, seit ein UN-Konvoi beschossen worden war.

Beim Essen waren auch südsudanesische Priester anwesend. P. Edward aus Bor, der gegenwärtig bei uns wohnt, sah, wie einige Menschen getötet wurden, und viele Leichen. Fr. Samuel wurde Zeuge, als sein Hausmeister grausam abgeschlachtet wurde.

P. Edward berichtete von seinen traumatischen Erlebnissen bei der Flucht aus Bor mit Unterstützung der UN. Er verlor alles – Auto, Kleider, Haus und Kirche wurden geplündert. Sogar das Kreuz in der Kirche wurde zerbrochen. Er steht in regelmäßiger Verbindung mit Leuten in Malakal. Es heißt, dass einige der SPLA-Regierungssoldaten zu den Rebellen übergelaufen sind und dass Rebellensoldaten die Stadt umzingelt haben. Man rechnet mit einem weiteren Angriff. Rebellentruppen und die “Weiße Armee der Nuer-Jugend“ sind aus Bor abgezogen und es heißt, dass sie auf dem Weg nach Malakal sind, von wo die Menschen fliehen. Unser Haus und die Lehrerausbildungsstätte sind gegenwärtig intakt, die Arbeiter und Wachleute kümmern sich darum, aber es gibt keinen Anlass zur Zuversicht, dass sie nicht in den kommenden Tagen durchstöbert und geplündert werden. Sogar einige Priester verlassen Malakal. P. Edward meinte, dass Malakal bald eine Diözese im Exil sein wird.

Diese Situation bringt das Schlimmste – und das Beste – in den Menschen hervor. Es gibt einige großartige Menschen hier.