Countys Südsudan
Die Countys im Südsudan
Lehrerin im Süsudan
Roda, eine der wenigen Lehrerinnen in der Fortbildung
Sorghum
Grundnahrungsmittel Sorghum
Richterwahl im Südsudan
Richterwahl in Old Fangak
Bootsfahrt mit Flüchtlingen
8 Stunden Bootsfahrt von Phom nach Old Fangak am 4. Januar mit Flüchtlingen
Dorfschule im Südsudan
katholische Dorfschule Dhoreak
P. Gregor Schmidt
Pater Gregor Schmidt nach einem Gottesdienst

Zum Thema „Südsudan ist unabhängig“ ein Beitrag vom 08.01.2014:

Pater Gregor Schmidt: Erklärung zur Situation tut not

Hiermit schicke ich euch meine Beschreibung der Situation im Südsudan. Ich lebe ja bei den Nuer, die von den Nachrichten die „Rebellen“ genannt werden. Daher bin ich direkt betroffen.

Mein County befindet sich mitten im Rebellengebiet, auf der ersten Karte mit einem roten Quadrat angezeigt. Im Augenblick wird hauptsächlich in den 3 Bundesstaaten Unity, Jonglei und Upper Nile gekämpft, besonders um die Provinzhauptstädte Bor und Bentiu.

In Old Fangak (OF) befinden wir uns wie im Auge eines Hurrikans, wo alles ruhig ist, aber rings um uns Verwüstung herrscht (bisher 200 000 Flüchtlinge und tausende Tote). Das liegt an der geographisch unzugänglichen Lage. Der Westen und Norden von Fangak County ist der Flusslauf des Nil. Es gibt keine Brücke über den Nil in ganz Südsudan außer in der Hauptstadt Juba, d.h. schwere Waffen und Panzer können nicht eingeführt werden. Im Süden und Osten des Countys ist undurchdringliches Buschland. Es gibt keine Straße, die hierher führt. Auf diese Weise sind wir von Truppenbewegungen verschont. Viele Nuer Flüchtlinge von Upper Nile State kommen daher zu Fuß in unser County. Die Regierungsarmee hat dort die Provinzhauptstadt Malakal nach schweren Kämpfen unter ihre Kontrolle gebracht und bewegt sich langsam südwärts entlang des Nil.

Die Armee erschießt jeden Nuer Mann, weil traditionell alle Männer auch Kämpfer sind. Die Unterscheidung in Zivilisten und Armee ist ein westliches Schema, welches in der Krise keine Anwendung findet. Man fällt in alte Rollenmuster zurück. Jede Nuer- und Dinka-Familie besitzt mindestens ein Maschinengewehr aus Zeiten des Bürgerkrieges gegen den Norden. Es fehlt den Hilfsorganisationen an Medikamenten, Nahrung und Trinkwasser. Merkwürdigerweise gibt es aber immer genügend Nachschub für Waffen und Munition in einem afrikanischen Krisengebiet.

Zu Beginn der Ausschreitungen in Juba Mitte Dezember (es war eine Meuterei, kein Umsturzversuch gegen die Regierung!), befand ich mich in OF. Weihnachten und Neujahr habe ich dann in Phom verbracht, der Provinzstadt des Countys, die direkt am Nil liegt. OF selbst liegt 60 km entfernt an einem Nebenfluss, der (auf der rechten Karte eingezeichnet) sich vom Nil abspaltet und dann wieder zusammen fließt. Wir waren am 23.12. Zeugen einer Schlacht mit schwerer Artillerie 10 km auf der anderen Seite vom Nil, in der die Regierungsarmee vertrieben wurde. Es haben sich auch Soldaten und Polizisten aus unserem County beteiligt. So gehören wir jetzt offiziell zu Gegenseite, und in ganz Jonglei State hat die Regierung den Notstand verhängt. Das bedeutet in der Praxis, dass sich die Armee nicht an Regeln halten muss. Es wird wahllos getötet, wo die beiden Gruppen aufeinander treffen.

Obwohl in Fangak County nicht gekämpft wird, liegen die Nerven blank. Ein Soldat hatte vor ein paar Tagen einen Händler in Phom bedroht. Als die Polizei zu Hilfe kam, zündete dieser eine Handgranate und tötete 2 Personen. Ich war nur 100 m entfernt. Zur Abschreckung wurde der Soldat sofort hingerichtet, damit für die anderen Soldaten klar ist, dass sie sich gegenüber Zivilisten korrekt verhalten müssen.

Seit Anfang 2013 koordiniere ich die Fortbildung für Lehrer in unserem County. Es gibt etwa 60 Teilnehmer. Der nächste Kurs hätte eigentlich am 6. Januar beginnen sollen. Ich habe erreicht, dass das beste Ausbildungsprogramm, das zur Zeit im Südsudan angeboten wird, auch in OF stattfindet. Leider können die Ausbilder aus Kenia, Irland und Kanada in dieser Situation natürlich nicht herkommen. Auch die Lehrer sind verstreut, und es sieht so aus, dass nicht einmal das Schuljahr eröffnet wird (es sei denn, wir Comboni-Missionare unterrichten ohne die ansässigen Lehrer). Vertrauen in Gott haben die Menschen aber nicht verloren. Es kamen 4500 Leute am Heiligabend zur Messe. So viele Einwohner hat OF gar nicht.

Zur Bedeutung der ethnischen Zugehörigkeit

In den Medien wird oft gesagt, dass es sich um einen politischen Konflikt innerhalb der SPLM-„Einheitspartei“ (vergleichbar mit dem ANC in Südafrika) handelt, der die ethnische Zugehörigkeit instrumentalisiert. Das ist zum Teil wahr. Es ist aber vor allem der Wunsch der internationalen Gemeinschaft, dass es so sei. So kann man nämlich zwischen „bösen“ Politikern und „unschuldiger“ Zivilbevölkerung unterscheiden. Man kann aber genauso darlegen, dass es ethnische Konflikte schon immer gegeben hat und dies sich auch in der Art und Weise, wie Politik betrieben wird, zeigt.

Anstatt die aktuellen Umstände des Konfliktes zu kommentieren (das könnt ihr auch im Internet nachlesen), möchte ich darlegen, wie und warum die ethnische Zugehörigkeit doch eine wesentliche Rolle im Leben der Menschen hier spielt. Im Grunde handelt es sich um Sprachabgrenzungen, weil die Kultur recht ähnlich ist. Die Kategorien „Stamm“ und „Ethnie“ sind problematische Definitionen, die von außen an Gruppen herangetragen werden. Wahrscheinlich waren Dinka und Nuer einmal eine Gruppe. Die Nuer lernen die Namen von 10-20 Vorväter-Generationen auswendig. Bei vielen tauchen irgendwann Dinka-Namen auf.

Bevor ich Volkszugehörigkeit am Beispiel der Nuer beschreibe, lenke ich den Blick auf das westliche Gesellschaftsmodell. Wir alle haben das Bedürfnis nach leiblicher Sicherheit und Rechtssicherheit. Wenn wir an einen säkularen Rechtsstaat denken, dann ist das für uns der Rahmen in dem Sicherheit und Recht allen Bürgern zugänglich sind. Zumindest im Prinzip. Wenn wir unsere eigene Staatsform kritisieren, dann bekämpfen wir Missstände innerhalb des Systems. Im Allgemeinen partizipieren wir aber an den Dienstleistungen des Staates; und das ist die Daseinsberechtigung eines jeden Staates, eben dass er den Bürgern dient.

Im Südsudan ist der Staat seit jeher ein Eindringling, der das gewohnte Leben stört. Zuerst kamen die Britischen Kolonialherren, dann Sklaven einfangende Araber, und jetzt sitzt ein Dinka-Herrscher auf dem Präsidententhron, der seine eigene Klientel mit Ölmilliarden bedient. Kaum eine Dienstleistung, die man berechtigterweise von einer Regierung erwarten kann (Infrastruktur, Bildung, medizinische Versorgung, etc.), wird überhaupt angeboten, geschweige denn umgesetzt. Während die Araber von vornherein ihre feindliche Intention klar machten, sind die Leute umso mehr vom neu gegründeten Staat enttäuscht, wenn Versprechen nicht eingehalten werden. Anstatt Dienstleistungen vom Staat, haben die Leute Angst vor unbezahlten Soldaten, die sich ihren Sold anderweitig besorgen. Sie verstehen auch nicht, warum Steuern verlangt werden, wenn damit lediglich Staatsbedienstete bezahlt werden, die ja doch nichts arbeiten. In unserem County gibt es kaum Geldumlauf. So ist man auf die intelligente Idee gekommen, Rinder zu besteuern. Man hat sich zwar nicht getraut, den Brautpreis anzutasten; dafür kriegt der Commissioner des Countys bei jeder Ehebruch-Transaktion eine Kuh ab. Die Leute sind aber nicht doof und verhandeln eben diskreter. (Die Kuh ist die Grundwährung, in der alle Vergehen bezahlt werden.)

Oft wird die Frage gestellt, warum Menschen in afrikanischen Ländern ihre ethnische Identität nicht vergessen können und einfach als Staatsbürger leben. In Deutschland gibt es ja auch keine Germanen, Alemannen oder Teutonen mehr. Das ist glücklicherweise so, weil nach vielen Jahrhunderten schmerzhafter Auseinandersetzungen der Nationalstaat in Europa die Grundbedürfnisse stillt, die vorher der eigene „Stamm“ erfüllt hat.

Um sich einen afrikanischen Vielvölkerstaat vorzustellen (im Südsudan werden ca. 200 Ethnien, also Sprachen, gezählt), ziehe ich zum Vergleich die Europäische Union heran. Die EU funktioniert, weil Deutschland das Geld bereit stellt, das andere ausgeben. Man stelle sich vor, Angela Merkel – vom größten Stamm – würde die EU mit einer Macht regieren, die bei weitem die Kompetenzen eines Bundeskanzlers übersteigt. Sie würde in alle wichtigen Positionen Deutsche oder gefällige Ausländer setzen, die ihrerseits wieder Verwandte im Staatsdienst anstellen. Die Gelder fließen natürlich nach Deutschland, bevorzugt in Regionen, woher die Politiker kommen. Wie lange würde diese Union bestehen? Es funktioniert nicht, in Afrika einen Staat nach westlichem Vorbild und mit einer säkularen Verfassung zu gründen, wenn die Menschen tribalistisch denken und fühlen. Und das ist kein Vorwurf. Sie kennen nichts anderes. Es würde daher auch nicht besser, wenn der Präsident im Südsudan kein Dinka wäre. Die neue Gruppe, ob nun die Nuer oder eine andere, würde nur denken, dass jetzt endlich sie an der Reihe sind, sich zu bedienen. Was wir als Korruption und Vetternwirtschaft anklagen, ist das Grundmuster, wie innerhalb einer Ethnie dafür gesorgt wird, dass es allen gut geht. Politiker hier „missbrauchen“ nicht ihre Macht; sie haben vielmehr aufgrund ihres Hintergrundes (Jahrtausend alte Hirtenkultur und ein halbes Jahrhundert Guerillakrieg) gar keine Vorstellung, was ein Rechtsstaat oder eine parlamentarische Demokratie eigentlich sind.

Ich möchte das noch an einem Beispiel in OF verdeutlichen. Was für Dinka und Nuer gilt, trifft in gleicher Weise auf Sippen zu. Es sollte im Juli ein neuer „Richter“ (oder Schlichter) für die Region ernannt werden. Früher haben sich die Männer so lange unter einen Baum gesetzt, bis sich alle einig waren. Diesmal sollte es eine demokratische Wahl geben. Es wurde viel für die beiden Kandidaten geworben, und am Wahltag erschienen rund 3000 Menschen – einschließlich Kinder – auf dem Fußballfeld. Weil es keine Wahlzettel gab, sollten sich beide Gruppen getrennt hinsetzen. Sie waren etwa gleich groß. Daher mussten Reihen gebildet werden, um jeden Kopf zu zählen (siehe Foto). Kinder saßen bei ihren Eltern, Ehefrauen und unverheiratete Schwestern bei ihren Männern. (Das ist doch so ähnlich gemeint mit dem Vorschlag eines Familienwahlrechts in Deutschland, oder?). Das einzige Kriterium für die Leute war, wie nah sie mit dem Kandidaten verwandt sind. Als unser Payam-Direktor – in etwa ein Kleinstadtbürgermeister – merkte, dass seinem Favoriten knapp 100 Stimmen fehlten, verschob er die Verkündigung des Ergebnisses – seit Juli bis heute. Die Leute denken sich ihren Teil. Wenn aber demokratische Entscheidungsprozesse auf diese Weise abgewürgt werden, stärkt das nicht das Vertrauen in den Staat.

Jetzt komme ich zum traditionellen Gesellschaftsmodell der Nuer (die Dinka leben ähnlich). Wie finden diese Sicherheit und Teilhabe am Wohlstand? Durch ihr Sippensystem und ihre durch Eheschließungen verzweigten Bündnisse. Das ist existenziell. Es gibt in Afrika ein Sprichwort (frei nach Descartes): Weil wir sind, bin ich. Das sind die unmittelbaren Beziehungen, die einen tragen. Und damit ist das Überleben in einer feindlichen Umwelt gemeint. In Europa sind Beziehungen/Freundschaft optional. Selbst mit den Eltern und Geschwistern kann der Kontakt abgebrochen werden, weil es möglich ist, sich im modernen Staat selber zu versorgen. Ein Nuer-Mann hingegen kann sich auf nichts verlassen, außer dass die Brüder oder die ausgewachsenen Söhne zur Verteidigung ihr Leben aufs Spiel setzten. Und nur die Familie wird einen im Alter versorgen.

Ein Nuer wird daher seinem Bruder zur Seite stehen, ganz egal ob er im Recht oder Unrecht ist. Auch wird die eigene Sippe gegen andere kompromisslos verteidigt, und aus dem gleichen Grund unterstützen so viele Nuer den Rebellenführer Riek Machar, ganz egal ober er ein Engel oder Teufel ist. (In der Tat ist er mit Sicherheit nicht das erste.) Denn nur mit einem der ihren wissen sie, dass sie Zugang zu den Ressourcen des Staates haben (das Öl). Es gibt eine gute Anzahl von Nuer, die Riek Machar kritisieren. Das sind aber vor allem solche, die im Ausland leben und es sich aus sicherer Distanz leisten können, illoyal zu sein. Sie genießen die Früchte eines rechtstaatlichen Systems in den USA oder Großbritannien und sind nicht auf ihn angewiesen. Es gab vor einem Jahr eine Zeitungsanzeige dieser Exil-Nuer, in der sie den Präsidenten dazu aufforderten, Riek Machar von seinem Posten des Vizepräsidenten abzusetzen. Es ist ein theatralischer Text, in dem folgender Vergleich gezogen wird: So wie Gott den Luzifer aus dem Himmel vertrieben hat, solle Machar aus dem Kabinett verbannt werden. Das ist dann auch geschehen, und jetzt ist es zum Duell gekommen, welches das Land im Chaos versinken lässt. Die Partei, die dieses Land regiert, ist eine Guerilla-Kampftruppe, und die Mitglieder tun jetzt das, was sie am besten können.

Warum wird so leichtfertig getötet?

Es gibt einen ausgefeilten Gerechtigkeitssinn für alle Lebensbereiche, auch für das Töten. Wichtig ist, dass am Ende alle Familien mit ihrer Freude und ihrem Leid im Gleichgewicht sind.

Mord und Totschlag wird damit beglichen, dass entweder der Täter oder sein Verwandter getötet wird. Oft macht man sich gar nicht die Mühe, den Täter zu finden, sondern es wird jemand ausgesucht, dessen Verlust besonders schmerzlich ist – heutzutage in der Regel Leute mit Schulbildung/Studium, weil viel Geld investiert wurde. Es ist ohne Scherz lebensgefährlich, bei den Nuer gebildet zu sein und auf dem Land zu wohnen. Zum letzten Jugendworkshop der Pfarrei im November kam ein 20 jähriger. Er bat um ein Zimmer, welches von innen verriegelt werden kann (normalerweise nicht üblich), um sicher zu schlafen. Sein Bruder hatte gerade jemand getötet. Die unweigerliche Reaktion kann abgewendet werden, wenn etwa 50 Rinder Strafe bezahlt werden. Die Opferfamilie muss das natürlich wollen. Weil oft nicht klar ist, wer mit Töten angefangen hat, gibt es Sippenfehden, die lange zurückreichen und eine große Versöhnung erfordern. Das sind komplizierte Verhandlungen.

Nuer geraten vor allem dann aneinander, wenn es gerade keinen Konflikt mit Dinka oder Murle gibt (genauso wie es sich Dinka und Nuer leisten können, jetzt zu kämpfen, weil ihr Erzfeind, die Araber, keine Gefahr darstellt). Jugendliche haben zum Jagen immer ihren Speer dabei, und bei einem Streit kommt es schnell zu Toten, so geschehen in unserer Pfarrei im Oktober, dann im November und auch Anfang Dezember. Eigentlich wollten die Katholiken dieses Jahr Weihnachten außerhalb von OF in einer Kapelle feiern. Das wurde dann abgesagt, weil man das Verhalten der Jugendlichen nicht einschätzen konnte. Die Eltern haben Angst vor ihren eigenen Kindern! Auch in Deutschland wird ja manchmal die Verrohung der Jugend beklagt. Die Nuer wünschen sich, dass sie eure Probleme hätten.

Es lässt sich schwer sagen, wie viel von der Gewalt der Hirtenkultur zuzuschreiben ist, und wie viel dem Trauma des Bürgerkrieges. Zusammengenommen ist es jedenfalls verheerend. Und mich verstört, wie selbstverständlich Hand angelegt wird. In westlichen Gesellschaften ist das Töten speziellen Berufsgruppen vorbehalten. Wir erfahren davon normalerweise nur in den Nachrichten. Ein Nuer-Mann ist zugleich Hirte, Bauer, Architekt, Händler, Soldat und Bluträcher. Und das alles mit voller Überzeugung.

In den Medien wird von den aktuellen Kämpfen berichtet, weil es politisch relevant ist. Dieses Land ist aber seit dem Friedensvertrag 2005 nie befriedet worden. Wie viele von euch erinnern sich, dass es in Jonglei State in 2011-12 zwischen den Nuer und Murle über 5000 Tote gegeben hat? Jedes Jahr kommen im Südsudan allein bei Viehdiebstahl 1000-2000 Hirten um. In 2009 waren es ca. 2500 Personen. Rinder sind hier die Währung für den Brautpreis. An Frauen mangelt es nie, an Rindern immer. (Nach meiner Theorie ist Polygynie rechnerisch nur deshalb möglich, weil sich die Männer so zahlreich umbringen.)

Die „Ausländer“, das bin nicht nur ich, sondern jeder, der nicht die gleiche Muttersprache spricht. Moralische Regeln gelten im Wesentlichen innerhalb der eigenen Gruppe. Ein Viehdiebstahl ist zwar gefährlich, aber es ist moralisch nicht verwerflich, zu rauben und dabei Menschen anderer Ethnien umzubringen. Das geschieht, damit niemand Alarm schlagen kann, denn Rinder bewegen sich ja recht langsam. Wenn Dinka und Nuer – wie alle ostafrikanischen Hirtenvölker – schon aus Gier so leichtfertig töten, ist es umso leichter, wenn sie Rache nehmen wollen. Es gilt, Leben für Leben zu nehmen. Wenn nun, wie in der aktuellen Krise, die Anzahl der Toten unzählbar ist, dann wird jeder Angehörige der anderen Gruppe – es sind immer nur die Männer – zu legitimen Zielscheibe. Deswegen sind Minderheiten auf beiden Seiten so gefährdet. Und deswegen ist es so schwer die Dynamik der Blutrache zu stoppen.

Außer der Rache ist es manchmal auch die schiere Angst voreinander: Wenn ich den anderen nicht töte, wird er es tun. Auf einem Ölfeld sind Nuer- und Dinka-Arbeiter mit Macheten und Knüppeln übereinander hergefallen, um zu verhindern, dass die Gegenseite schneller handelt. Am Ende waren fast alle tot.

Es gibt aber auch herzzerreißende Begebenheiten von Freundschaft in den letzen Wochen, wo Dinka durch Nuer (und umgekehrt) gerettet wurden.

Ich halte übrigens die westliche Gesellschaft nicht für weniger gewalttätig. Zwar geht es innerhalb friedlicher zu, aber was Frontex im Mittelmeer unternimmt, möchte niemand so genau wissen.

Das meinte ich oben mit der Spezialisierung in modernen Gesellschaften; und das gilt auch dann, wenn lediglich durch passive Maßnahmen der Tod in Kauf genommen wird. Wenn es nicht die große Schiffskatastrophe bei Lampedusa im Oktober gegeben hätte, würde einer breiten Öffentlichkeit nicht klar sein, wie viele tausende Flüchtlinge jedes Jahr im Mittelmeer ertrinken. Damit die westliche Gesellschaft friedlich funktioniert, wird Gewalt an die Grenzen des Imperiums verlagert. Der ehemalige Bundespräsident Köhler musste deshalb sein Amt niederlegen, weil er die banale Wahrheit ausgesprochen hat, dass Rohstoffe und Rohstoffwege unter Umständen mit Gewalt verteidigt werden müssen. Global sind es Dinge wie Erdöl oder Coltan (für Mobiltelefone! Im Kongo sind dafür Hundertausende umgekommen, damit wir alle „mobil“ sein können.) – bei den Hirtenvölkern ist das „Schmiermittel“, das die Gesellschaft zusammen hält, das Rind. Mir ist klar, dass mein Kommentar provoziert. Bevor aber die moderne Zivilgesellschaft gepriesen und mit Schaudern auf Afrika geblickt wird, wollte ich nur darauf hinweisen, dass es unter dem Lack der sogenannten Zivilisation auch schimmelt. Gewalt kann ja verschiedene Formen annehmen. Z.B. wenn wir Rohstoffe oder Kleidung günstig einkaufen wollen und nicht so genau fragen, warum der Preis so niedrig ist.

Ein Staat, der nach der Bergpredigt leben würde, wäre keiner. Er würde zerrieben werden, bevor wir davon erfahren, dass es ihn gab. Die Völker im Südsudan gibt es nur, weil sie Gewalt mit Gewalt beantworten und so klare Grenzen setzen. Ich glaube ausdrücklich, dass das Lebensvorbild Jesu und die Bergpredigt verpflichtend sind für Christen, die ihm nachfolgen wollen. Nur ist das ein Appell an das Individuum. Niemand kann für die Gruppe entscheiden, pazifistisch zu handeln. Man kann es nur selber vorleben und gegebenenfalls mit dem eigenen Leben bezahlen. Es gibt solche heiligen Dinka und Nuer. Das sind die Märtyrer, die die Kirchen in späterer Zeit in Erinnerung behalten werden. Für die meisten von uns gilt jedoch, dass wir Mitläufer sind. Und wenn es hart auf hart kommt, kommt bei vielen die Bestie heraus. Das kennen wir ja schon in Europa.

Es gibt übrigens so etwas wie eine Jahreszeit für den Krieg. Das war mir nicht klar, bis ich in hierher kam. Im Buch Samuel steht (2 Sam 11,1): Um die Jahreswende, zu der Zeit, in der die Könige in den Krieg ziehen, schickte David den Joab mit seinen Männern und ganz Israel aus, und sie verwüsteten das Land der Ammoniter und belagerten Rabba.” Meine Vermutung ist, dass die Kämpfe bis Mai weitergehen. Denn danach beginnt die Regenzeit, und es ist unheimlich mühsam, sich fortzubewegen. Im Dezember erfolgt dann der Rückschlag. Es ist wirklich mein Wunsch, dass ich falsch liege und wider erwarten der Konflikt bald beigelegt wird.