Junge afrikanische Christen mit Pater Günther Hofmann
Junge afrikanische Christen mit Pater Günther Hofmann (links). Die Kirche in Südafrika ist eine junge Kirche.
Bruder Erich Stöferle
Bruder Erich Stöferle, rechts.
Gottesdienst
Im christlichen Gottesdienst feiern wir die befreiende Botschaft Jesu.
Gemeindefest
Gemeindefeste wollen das solidarische Miteinander zum Ausdruck bringen.

Südafrika

Tradition und Moderne in Südafrika

Bruder Erich Stöferle aus Ringingen bei Ulm ist Elektromeister. 15 Jahre arbeitete er in Kenia. Seit 1999 ist er in Südafrika, die letzten vier Jahre als Provinzverwalter. In verschiedenen Gesprächen schilderte er seine Erfahrungen und Beobachtungen in Südafrika, in der Politik und in der Kirche. Es sind Ansichten eines nüchternen und pragmatischen Beobachters. Zusammengestellt und bearbeitet von Ulrike Lindner.

Südafrika wird gern als „Rainbow Nation“ (Regenbogennation) bezeichnet, da viele verschiedene Ethnien scheinbar friedlich zusammenleben. Das ist allerdings ein Idealbild. In den letzten Jahren häufen sich so genannte Service Protests. Die Menschen stehen der Regierungspartei ANC (Afrikanischer Nationalkongress) kritisch gegenüber. Es gebe zu viele leere Versprechungen und vor allem viele Arbeitslose. Die Leute sagen „Inzwischen sind 20 Jahre seit der Unabhängigkeit ins Land gezogen und was tut ihr?“ Sie sehen, dass die Parteigrößen reich sind und ihre Aufgaben nicht erfüllen. Deshalb die Proteste wegen mangelnder Dienstleistungen durch den Staat.

Doch – heute protestieren sie. Wenn aber morgen Wahltag wäre, würden sie wieder den ANC wählen. Wenn man dann fragt, heißt es: „Die haben uns damals die Freiheit gebracht, die wähle ich.“ Wenn wir entgegnen: „Die sind doch korrupt!“ „Das macht nichts, das sind die anderen auch.“ Der Gedanke, jemand anderen als ANC zu wählen, ist für viele noch zu neu.

Zu Zeiten der Apartheid hat der ANC den Leuten gesagt, sie sollen aufmüpfig sein, sie sollen keine Steuern, Strom- und Wasserrechnungen bezahlen. Damit wollten sie das Regime in die Knie zwingen. Nun ist der ANC selber an der Regierung und sagt den Leuten: „Jetzt ist die Zeit vorbei, jetzt müsst ihr zahlen.“ Und das Volk sagt: „Ihr könnt uns mal.“ Also, die Geister, die sie riefen, die werden sie jetzt nicht mehr los.

Probleme im Land

Problem Nummer eins ist die Korruption. Sie nimmt zu, entgegen aller Beteuerungen der Regierung.

Das nächste Problem ist die hohe Arbeitslosigkeit. Damit einher geht die hohe Kriminalität. Offizielle Zahlen nennen 25 Prozent Arbeitslose, tatsächlich sind es wohl doppelt so viele.

Ähnlich sieht es aus mit Aids. Da spricht man auch von 25 bis 30 Prozent. Die Zahl der Neuansteckungen steigt immer noch, trotz aller Aufklärungsarbeit von Kirchen und Staat. Viele in der jungen Generation haben die fatale Haltung und sagen: „Es wird uns ja doch erwischen. Wozu also vorsichtig sein?“

Die Regierung hat die so genannte „Moral Regeneration“ (Moralische Erneuerung) ausgerufen, da sie merkt, dass vieles im Argen liegt. Deshalb wurde von der Regierung eine Kommission gebildet, die diese moralische Erneuerung vorantreiben soll. Ich finde es schade, dass nicht erkannt wurde, dass die Kirchen hier eine große Rolle spielen könnten. Aber sie werden vom Staat, abgesehen von der Steuerfreiheit, nicht groß unterstützt. Der Religionsunterricht in den Schulen wurde abgeschafft. Dass die Religion aber einen wesentlichen Beitrag dazu geben könnte, wird nicht erkannt.

Man merkt manchen Leuten des ANC noch an, dass sie in Russland, China und in der DDR ausgebildet worden sind.

Die Kirche in Südafrika

Die katholische Kirche macht in Südafrika nur knapp sieben Prozent der Bevölkerung aus. Sie hat einen guten Ruf, weil sie zum Beispiel beim Kampf gegen Aids stark engagiert ist. Es gibt viele Projekte zur Aufklärung und Betreuung von Aidskranken.

Die Zeit der kirchlichen Projekte ist jedoch vorbei: Schulen, Krankenhäuser und dergleichen hat die Regierung übernommen.

Religiöse Vielfalt

Neben den alten Konfessionen (Katholiken, Anglikaner, Methodisten, Lutheraner) gibt es viele Sekten. Stark vertreten sind die Zionisten. Sie finden vor allem unter den Schwarzen viele Anhänger, da bei ihnen die alten Traditionen, Sitten und Gebräuche eine große Rolle spielen.

Natürlich fragt man sich, was die Leute dabei so anzieht. Nur ein Beispiel: In einer früheren Synagoge nicht weit von hier hält jetzt eine Sekte ihre Gottesdienste. Sie hat einen ungeheuren Zulauf. Samstag und Sonntag stehen die Leute auf der Straße, auf dem Gehweg, ja sogar auf der anderen Straßenseite. Sie haben Lautsprecher aufgestellt für die Übertragung nach draußen.

Ich denke, dass ihre ganz andere Art zu predigen, charismatisch und eher reißerisch, die Menschen anzieht. Eine große Rolle spielen auch die so genannten Heilungen. Dabei kann man meist nicht wirklich von echten Heilungen sprechen. Das ist in der Regel gut vorbereitet. Jemand wird nach vorn gerufen und fällt dann um. Das beeindruckt die Leute.

Gute und schlechte Sangoma

Eine wichtige Rolle im Leben der Menschen hier spielen die Sangoma, die Heiler und Hexer. Sie haben nicht nur auf dem Land, sondern auch in der Stadt starken Zulauf. Selbst gebildete Leute gehen zu ihnen. Es gibt, für meine Begriffe, gute und andere Sangoma. Ein guter Sangoma ist ein traditioneller Heiler, der Kräuter und Wurzeln benutzt, um Krankheiten zu behandeln. Auch diese werden von der Schulmedizin oft argwöhnisch betrachtet und belächelt. Aber wenn ein Arzt bei der Behandlung nicht weiterkommt, gehen die Leute eben zu einem Sangoma. Auch unter den katholischen Priestern und Ordensleuten gibt es Sangoma.

Es gibt aber auch andere Sangoma. Die Leute betrachten sie als Hexer. Sie verlangen von ihren Kunden manchmal sogar menschliche Körperteile, um damit Medizin herzustellen. Sie sind gefürchtet, sogar bei der Polizei. Die unternimmt meist gar nichts, wenn irgendwo eine Leiche gefunden wurde, der Körperteile fehlen.

Ahnenverehrung

Die Ahnen spielen eine große Rolle im Alltags- und im religiösen Leben. Vor ihnen hat man Respekt, aber eben auch Angst vor ihrer Rache, wenn man sich nicht richtig verhält.

Wir wundern uns immer wieder, welcher Aufwand bei Beerdigungen gemacht wird. Da muss der beste Sarg und der größte Grabstein her. Wenn das dann getan ist, dann kann das Unkraut ruhig wachsen, das ist dann nicht mehr wichtig. Vielleicht wird das Gras auf den Gräbern gelegentlich noch gemäht, aber ansonsten stört es niemanden, wenn Kühe, Ziegen und Schafe im Friedhof herumlaufen.

Gerade am Beispiel der Sangoma, der Heiler und Hexer, und der großen Angst der Leute vor ihren Ahnen wird mir das Befreiende des Evangeliums Jesu Christi bewusst: Jesus befreit uns von dieser Angst.