P. Herbert Gimpl
Pater Herbert Gimpl

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22.12.2016

Weihnachtsgruß von P. Herbert Gimpl

Liebe Freunde und Verwandte,

„Bienvenido a casa“ – „Willkommen daheim“. Mit diesen Worten auf einem Plakat begrüßten mich die Kinder im Kindergarten „San Rafael“ in Arequipa Ende September. Gemeindemitglieder aus den Pfarreien von St. Kunigund und St. Stefan in Nürnberg hatten mir zum 70. Geburtstag ein Flugticket nach Peru geschenkt. So konnte ich nach neuneinhalb Jahren wieder die Orte besuchen, an denen ich früher tätig war. Gleich am ersten Vormittag nach meiner Ankunft fuhr ich mit Bruder Kuno, der fast sein ganzes Leben in Peru verbracht hat, nach Pamplona Alta, ein Stadtrandviertel von Lima, wo die Comboni-Schwestern tätig sind. Wir brachten Kleider und Lebensmittel hin. Es ist eine der ärmsten und unsichersten Siedlungen am Stadtrand von Lima, die durch eine Mauer – man nennt sie auch „Muro de vergueñza“ – „Mauer der Schande“ von einem Reichenviertel getrennt ist. Auch wenn inzwischen dort der Staat und andere Institutionen Schulgebäude errichten; war es ein schockierender Einstieg für meinen Perubesuch. Auf der Rückfahrt konnte ich sehen, wie anderswo Bürogebäude und Einkaufszentren erbaut wurden. Die soziale Ungleichheit war dort erschreckend spürbar – und der Einsatz der Comboni-Schwestern inmitten des Elends ist bewundernswert. Ein weiteres Schockerlebnis war der chaotische Verkehr in Lima; da hätte ich es nicht gewagt, mit dem Auto zu fahren. Vielleicht würde ich mich ja wieder daran gewöhnen.

In Lima konnte ich auch das Frauengefängnis besuchen. Schwester Amanda ist trotz ihres Alters (sie war schon achtzig) jede Woche dort und kümmert sich um die Belange der Frauen. Ich traf auch noch Bekannte aus „meiner“ Zeit, die ja zu langen Haftstrafen verurteilt wurden. Manche haben inzwischen ihre Strafe verbüßt und sind in Freiheit, andere wurden in andere Gefängnisse verlegt, und manche warten noch auf das Ende ihrer Gefangenschaft. Milagros, eine Frau die inzwischen mehr als die Hälfte ihres Lebens dort verbrachte, hat vor Jahren ein Gedicht über Weihnachten verfasst; hier ein Ausschnitt davon:

Deshalb wünsche ich, dass Weihnachten auch sei …
die Liebe für alle ohne Ausnahme
das Licht in einer ungewollten Dunkelheit
der Glaube in der unausweichlichen Verzweiflung
die Wahrheit in einer verborgenen Wirklichkeit
der echte Friede für alle
die Gerechtigkeit für eine unverdiente Verurteilung
die Freiheit in einem unmenschlichen Gefängnis.

Da kamen mir wieder Erinnerungen an jenen besonderen Heiligen Abend 1996 dort im Gefängnis, als wegen der Geiselnahme in der Residenz des japanischen Botschafters durch eine Rebellengruppe am 17. Dezember Weihnachten ausfallen sollte. Schließlich konnten wir doch Gottesdienst feiern. Auch wenn nichts auf Weihnachten hindeutete, war doch die Botschaft zu hören: „Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr.“

Auch wenn inzwischen Jahre vergangen sind, manches aus schweren Zeiten ist doch lebendig geblieben und bewegt uns noch heute.

Dann gab es in Lima so manche Begegnung mit Menschen, mit denen ich noch immer verbunden bin. Am Sonntag feierte ich Gottesdienst in zwei Kapellen der Pfarrei in Chorrillos, auch dort gab es ein frohes Wiedersehen.

In Arequipa wurde ich bereits am Flughafen von einigen Leuten aus der Pfarrei „El Buen Pastor“ und einigen Erzieherinnen der beiden Kindergärten der Gemeinde abgeholt; einer der Jugendlichen hat mit seinem Handy ein Foto gemacht und es weitergeschickt; so hat sich die Nachricht von meinem Besuch, der ja nicht angekündigt war, verbreitet. Ja, ich habe mich daheim gefühlt, bei den Mitbrüdern und in der Gemeinde. Immer wieder haben mich Leute auf der Straße oder in den Kleinbussen, die ins Stadtzentrum fahren, angesprochen, fast so, als wenn ich nie weg gewesen wäre. Ein Teil der Pfarrei wurde vor ein paar Jahren der Diözese übergeben. Dort sind jetzt Diözesanpriester tätig. Andererseits ist das Gebiet um „Villa Ecológica“, das bei meinem Weggang noch in den Anfängen war, enorm gewachsen. Es gibt immer wieder Zuwanderer, die sich in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft am Stadtrand von Arequipa niederlassen. Dort leben die Menschen in prekären Situationen und die Armut ist einfach spürbar. Die Kinderspeisung, die es bereits früher gab, wird weiter geführt, aber sie wurde in die neuentstehenden Siedlungen verlagert, eben dorthin, wo diese Hilfe am notwendigsten gebraucht wird. Die beiden pfarrlichen Kindergärten „San Rafael“ in Independencia und „San Daniel Comboni“ in „Villa Ecológica“ feierten während meines Aufenthalts jeweils ihren Jahrestag. Dazu kam noch das silberne Professjubiläum der Combonischwester Rosmary, die aus Arequipa stammt. So konnte der Eindruck entstehen, dass ich aus den Feiern nicht mehr herauskommen würde. Im Kindergarten in „Villa Ecológica“ wurden neue Spielgeräte eingeweiht, die zum Teil von den Eltern selbst hergestellt worden waren. Ich war überrascht über den Ideenreichtum und die Kreativität und darüber, dass man aus alten Autoreifen noch wunderschöne Dinge machen konnte. Im Kindergarten „San Daniel Comboni“ arbeitet seit ein paar Monaten wieder eine junge Frau, Lena Lochschmidt – sie kommt aus Altdorf bei Nürnberg – als Missionarin auf Zeit mit; ein Arztehepaar aus den Vereinigten Staaten ist in der Posta Médica in Independencia und in der neuen Posta in „Villa Ecológica“ tätig. Es waren schöne und anstrengende, mit vielen Begegnungen gefüllte Tage. Und es war für mich auch eine Genugtuung zu sehen, dass vieles von dem, das ich beginnen konnte, weiter gewachsen ist. Für die Unterstützung, die ich auch im vergangenen Jahr nach Peru weiterleiten konnte, ein herzliches Vergelt´s Gott.

Hier in unserem Haus in Nürnberg gab es im vergehenden Jahr so manche Treffen mit Comboni-Missionaren aus den europäischen Provinzen, mit den Comboni-Laien-missionaren und jungen Menschen, die sich auf einen Einsatz als „Missionare auf Zeit“ vorbereiteten.

„Bienvenido a casa“ – „Willkommen daheim“. Vielen Menschen unserer Tage ist das nicht gegönnt; sie sind auf der Flucht, wie die Menschen in Syrien und im Irak, sie müssen um ihr Leben bangen, wie die Menschen in Aleppo. Andere fühlen sich am Weihnachtsfest einsam, weil ein lieber Mensch verstorben ist. Ich denke da an meine große Schwester, die heuer im August ganz plötzlich verstarb, die früher unsere Studenten in Innsbruck Jahr für Jahr mit Marmelade versorgte. Andere müssen sich in einer neuen Umgebung zu Recht finden, da sie aus Alters- oder Krankheitsgründen in ein Heim umziehen mussten. Von Jesus heißt es im Johannesprolog: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ (Joh 1,11) In den Weihnachtstagen kann man in Peru den Song des Argentiniers Luis Aguilé hören: „Ven a mi casa esta Navidad“ – „Komm in mein Haus an Weihnachten“.

Ein offenes Haus und ein offenes Herz für Jesus und für die Menschen, das wünsche ich mir und Euch an diesem Weihnachtsfest. Gottes Segen für das neue Jahr 2017

wünscht euch euer P. Herbert