Nachruf: Pater Reinhold Weiß

Geboren am 15.01.1936 im oberschwäbischen Weingarten bei Ravensburg, trat unser Mitbruder im Jahr 1960 der Gemeinschaft der Comboni-Missionare bei. Sein Theologiestudium absolvierte er in Bamberg, wo er 1965 er im dortigen Dom zum Priester geweiht wurde. Pater Reinhold versah seinen missionarisch-priesterlichen Dienst vor allem in Deutschland als Erzieher in den ordenseigenen Internaten sowie als Seelsorger. Sieben Jahre lang, von  1977 bis 1984, betreute er deutschsprachige Besucher im Geburtshaus unseres Gründers Daniel Comboni in Limone am Gardasee. Am frühen Morgen des 29. November 2017 ist er in Ellwangen/Jagst gestorben. Möge er jetzt in der Gegenwart Gottes geborgen sein. Im folgenden ein Lebensbild seines Kurskollegen P. Reinhold Baumann:

Nachruf für Pater Reinhold Weiß

Ich bin gebeten worden, einen Nachruf über Pater Reinhold zu schreiben. „Du hast ihn am besten gekannt.“ Ja, ich war Kurskollege von ihm. Letztes Jahr haben wir zusammen das goldene Priesterjubiläum gefeiert. Wir waren im Noviziat und im Studium zusammen und auch die letzten 20 Jahre. Doch, ob ich ihn wirklich gekannt habe? Er selber hätte vielleicht Zweifel gehabt. Ich werde es trotzdem versuchen – subjektiv – wie ich ihn erlebt habe.

Reinhold Weiß ist am 15. Januar 1936 in Weingarten in der Nähe des Bodensees geboren. Er hatte noch zwei ältere Brüder. Sein Vater war Vertreter für Landmaschinen, seine Mutter war Vertreterin für Nähmaschinen und gab Handarbeitskurse. Seine beiden Brüder bauten nach dem Krieg in Wehingen bei Tuttlingen einen Betrieb für Kunststoffverarbeitung auf. Sie und auch Pater Reinhold waren sehr an allen technischen und elektronischen Dingen interessiert, vor allem auch an der damals aufkommenden Digitalisierung. Sein Leben lang war er von allen technischen Neuerungen angezogen.

Er fühlte sich aber auch zum Missionar berufen. Darum ging er nach Bamberg, wo es die Möglichkeit gab, auf dem Zweiten Bildungsweg die Hochschulreife nachzuholen. Der Kontakt zu den Comboni-Missionaren kam vor allem durch seine Mutter zustande, die mit einem der Missionare bekannt war. In Bamberg konnte er im Haus der Kongregation wohnen und von dort aus das Theresianum, eine von den Karmeliten geführte Oberschule, besuchen. Von dort ging er 1959 in das neu eröffnete Noviziat nach Mellatz.

Dort begegnete ich ihm zu ersten Mal. Wir waren damals mehr als 20 Novizen. Fast alle kamen aus dem Seminar, waren neun Jahre beschützt und abgeschottet; die meisten auch aus einer bäuerlichen Umgebung. Mit einer Ausnahme: Reinhold. Er kam aus einer Techniker-, Industriellenfamilie, war vier Jahre älter als die meisten von uns. Er hatte Lebenserfahrung und auch schon einen Führerschein.

Es kamen die 68er-Jahre – und das Konzil. Wir jungen Theologen – und er im Besonderen – sahen uns als Protagonisten einer neuen Zeit. Für mich wirkte er souverän und sicher. Auch die Oberen trauten ihm etwas zu. Er gestaltete maßgeblich zwei Jahresausgaben des „Werk des Erlöser – Heftes, 1964 und 1965. Beim zweiten half auch ich mit. Auch spirituell war es eine besondere Zeit. Wir beide, zusammen mit Pater Alois Weiß trafen uns einmal jede Woche zu einem Bibelkreis. Wir hatten uns den 1. Johannesbrief vorgenommen. Es gab viele theologische Gespräche und Diskussionen.

Ich hab den Eindruck, dass die Oberen große Erwartungen in Reinhold gesetzt haben. Nach der Priesterweihe 1966 schickten sie ihn mit einer Fotoausrüstung nach Südafrika um Bilder und Reportagen zu sammeln. Es war die erste Aktion dieser Art überhaupt. Über 3000 Dias von dieser Reise sind im Archiv, fein säuberlich von ihm beschriftet und in den Computer eingegeben. Soviel ich weiß, war es der erste Computer überhaupt, der in unseren Häusern stand.

Es folgten zehn Jahre als Erzieher in den Seminaren in Bad Mergentheim, Brixen und Ellwangen. Anschließend lebte er sieben Jahre, von 1977 bis 1984 in der Hausgemeinschaft der italienischen Comboni-Missionare in Limone am Gardasee. Schon vor der offiziellen Wiedervereinigung 1979 wurden Mitglieder der beiden damals noch nicht vereinigten Kongregationen eingeladen, in Hausgemeinschaften der jeweils anderen Kongregation mitzuleben und mitzuarbeiten. Reinhold Weiß nahm die Einladung an. Als Ansprechpartner für die dort zahlreichen deutschen und österreichischen Besucher und Urlauber hatte er viele Begegnungen mit interessierten Personen.

Beide Erfahrungen, die in der Seminarerziehung und die in Limone, waren für Pater Weiß nicht nur positiv. Es war eine schwierige Zeit in den Seminaren mit einer nicht mehr so angepassten Jugend wie bisher. Man spürte, die Zeiten ändern sich. Es kamen viele bohrende Fragen auf: Sind die Seminare noch zeitgemäß? Wie geht es weiter? Kaum einer der Seminaristen ging noch ins Noviziat. Die Situation war insgesamt alles andere als ermutigend. Zudem verschlechterten sich auch seine gesundheitlichen Probleme.

Als „Quereinsteiger“ und „Querdenker“ in dieser unruhigen Zeit hatte Pater Weiß auch Schwierigkeiten in den Hausgemeinschaften, nicht zuletzt in Limone. Es scheint nicht allen italienischen Mitbrüdern gefallen zu haben, dass er als Deutscher dort auch noch Hausoberer sein solle. Darum wurde er 1984 wieder nach Deutschland zurückgerufen. Zunächst war er dann Hausoberer der kleinen Gemeinschaft in Pöcking bis zu deren Auflösung 1989. Es folgten Ellwangen bis 1992, Bamberg bis 1997 und von da an bis zum Schluss wieder Ellwangen.

Neben seiner Tätigkeit als Seelsorger in Gemeinden, wohin er gerufen wurde und wo er zum Teil sehr beliebt war, widmete er sich in diesen Jahren besonders der Comboni-Forschung. Die sieben Jahre in Limone, im Geburtshaus von Comboni, hatten in ihm diesbezüglich einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Es war die Zeit der Wiedervereinigung (1979) und der Hundertjahrfeier des Todestags Combonis (1981) und bald darauf seine Selig- und Heiligsprechung. Pater Weiß beschäftigte sich eingehend mit dem Leben Combonis und übersetzte zahlreiche seiner Briefe ins Deutsche. Darüber hinaus hielt er viele Einkehrtage in den verschiedenen Hausgemeinschaften.

Vor allem hat er Comboni als Kämpfenden entdeckt, mehr noch: als Leidenden, als den, der von seinen eigenen Leuten nicht verstanden wurde, als einen, der in vielen seiner Pläne und Visionen gescheitert war. Mit ihm konnte er sich identifizieren. Auch er spürte die Diskrepanz zwischen dem, was er selber erträumt und ersehnt hatte, und der Realität – auch dem, was ihm möglich war. Er hatte einen ihm eigenen Humor, etwas sarkastisch vielleicht. So antwortete er auf die belanglose Frage: „Wie geht es Dir?“ oft mit: „Auch schlecht“. Dazu kamen noch ernste gesundheitliche Probleme. Ein Einsatz in Südafrika oder Peru schien nicht ratsam. Wenn dann Mitbrüder aus Übersee kamen und oft begeistert von ihrer Arbeit dort erzählten, konnte er sich nicht recht begeistern, Er fühlte sich außen vor. Das alles belastete ihn und auch sein Verhältnis zu den anderen.

Mit Comboni nahm er auch dessen Kreuzestheologie auf und machte sie sich zu Eigen. Sätze Combonis wie: „Die Werke Gottes gedeihen am Fuß des Kalvarienberges“ oder: „Kreuze sind Liebeserweise Gottes“ zitierte er oft. Zum Schluss hat er das Kreuz wirklich mitgetragen, vor allem, als seine Sehkraft nachließ. Es muss ihm sehr schwer gefallen sein, seinen Führerschein abzugeben. Und dann konnte er auch nicht mehr am Computer arbeiten, er, der doch viele Stunden am PC gesessen war.

Beim Requiem für ihn wurden zwei ihm wichtige Texte gelesen: Das Evangelium vom Herz-Jesu-Fest (Joh 19, 31-37) vom durchbohrten, verwundeten Herzen und ein Text aus dem ersten Korintherbrief (1 Kor 1,22 – 2,9), wo Paulus schreibt: „Ich verkünde euch Christus – den Gekreuzigten“. Dieser Text mündet dann in den Ausdruck der Hoffnung: „Ich verkünde euch, was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist, das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.“ Auch diese Hoffnung ist ganz stark in den Texten und Briefen Combonis. Es ist die Hoffnung, das heißt die feste Überzeugung, dass Gott mit uns ist und dass unsere Zukunft bei Gott ist. Ich könnte mir denken, dass Pater Weiß sich auch diese beiden Texte ausgesucht hätte.

Zum Schluss sei noch der Bibelkreis erwähnt, dem er angehörte und dessen geistlicher Begleiter er bis zum Schluss war. Man kann sagen, dass er hier eine geistige Heimat gefunden hatte. Ein Mitglied dieses Kreises dankte ihm bei der Beerdigung mit einem sehr einfühlsamen Nachruf.

Reinhold Baumann

2017-12-21T12:05:01+00:00