Interview: Erzbischof Lukudu Loro findet deutliche Worte zur Situation im Südsudan

Der 76-jährige Comboni-Missionar Paulino Luduku Loro ist seit 1983 Erzbischof von Juba. In Begleitung seines Sekretärs, des Diözesanpriesters Fr. Samuel Abe Joseph, war er zu Besuch bei seinen Mitbrüdern in Ellwangen.

Dem Erzbischof ist aufgefallen, dass die Situation im Südsudan in Deutschland nicht besonders wahrgenommen wird. Ihm ist wichtig, dass darüber mehr berichtet wird. Gleich zu Beginn des Gesprächs macht er klar, dass für ihn die Ursache für die katastrophale humanitäre Situation einzig in den politischen Differenzen liegt.

Offiziell setzt Präsident Salva Kiir zwar auf Dialog, aber die Bedingungen erfüllt er nicht. Seit er den Oberbefehlshaber der Armee entlassen hat, herrscht große Unsicherheit im Militär. Um das Volk zu einen, Frieden zu schaffen und das Land irgendwann wieder voranzubringen braucht es eine starke Persönlichkeit, denn die Regierenden sind sogar untereinander in Clans aufgeteilt und zerstritten. Viele Minister sind ehemalige Soldaten und konnten ihre Position einfordern, weil sie sich in den vorausgehenden Kriegen „verdient“ gemacht haben, doch das macht sie nicht zu guten Politikern. Mittlerweile herrscht Anarchie, Korruption und Diebstahl gehören zur Tagesordnung. Um eine Änderung herbeizuführen, wäre eine neue Bewegung in der Politik notwendig. Dazu gehört auch, dass die SPLA (Sudan People’s Liberation Army) erneuert wird und einen neuen Namen erhalten sollte, um sich von der Vergangenheit zu distanzieren.

Die Wirtschaft liegt am Boden, einige wenige leben in Wohlstand, die Armen enden in Not und Elend. Die gegenwärtige Regierung kontrolliert das Geld, das rapide an Wert verliert. Innerhalb von vier Jahren ist der Kurs des Südsudanesischen Pfunds (SSP) zum Dollar um das vierzigfache gesunken, das heißt, hat ein Lehrer für sein Einkommen von 1000 SSP damals 250 Dollar erhalten, ist es nun noch 6,25 Dollar wert. Früher waren 5000 SSP ein gutes Einkommen, Parlamentarier erhielten 15000 SSP, Kirchenmitarbeiter verdienten 1100 SSP. Daran hat sich kaum etwas geändert, doch inzwischen kosten 50 Kilogramm Maismehl 3500 SSP, ein Sack Bohnen 3000. Und selbst wer ein bescheidenes Guthaben bei der Bank hat, kommt nicht an sein Geld, da er nur jeweils einen geringen Betrag abheben kann. Das führt dann dazu, dass Händler das wenige, das verfügbar wäre, nicht bezahlen können.

Da es auch dem Erzbischof von Juba mit Spendengeldern so ergeht, ist er dazu übergegangen, Bargeld nach Uganda zu schicken, um dort Lebensmittel einzukaufen, denn mindestens die Hälfte der Bevölkerung braucht Hilfe. Hunderttausende befinden sich auf der Flucht, sie verstecken sich im Busch oder leben in Flüchtlingslagern, sowohl im Inland in den sogenannten POS-Camps (Protection of Civilians) wie auch im Sudan, in Kenia oder im Norden Ugandas, wo sich etwa 800.000 Flüchtlinge aufhalten. Die dortige Regierung stellt den Flüchtlingen sogar Land zur Verfügung, damit sie sich selbst versorgen können. Die Menschen behelfen sich, soweit es geht. Selbst in den Lagern gibt es bescheidene Märkte. Doch überall sind die Flüchtlinge streng nach den verschiedenen Ethnien getrennt, um Konfrontationen zu vermeiden.

Die Lage wird noch dadurch verschlimmert, dass der Regen ausbleibt, und auch die Menschen auf dem Land, die von den kriegerischen Auseinandersetzungen einigermaßen verschont bleiben, können wegen der Dürre nichts anbauen. Mangelernährung und Krankheiten breiten sich immer weiter aus. Hilfe kommt vom World Food Programme for Displaced (WFP), andere Notleidende werden von den Kirchen versorgt, die sich in den Camps für die Leute einsetzen, manche haben Freunde im Ausland, die sie unterstützen, Missio und Misereor aus Deutschland helfen viel und Caritas South Sudan hat in Rom um Hilfe ersucht, doch es sind noch viele, um die sich niemand kümmert.

Viele Menschen halten sich im Umfeld der Kirchen auf, wo sie sich gewisse Sicherheit erhoffen. Aber auch dort sind sie Angriffen von Milizionären ausgesetzt. Selbst Soldaten kommen zur Kirche und bitten um Essen und Geld. Auch Dinka leiden, denn obwohl sie der Volksgruppe des Präsidenten angehören, gibt es kaum Zusammenhalt. Viele haben in besseren Zeiten Häuser gekauft, können sie aber nicht bezahlen und müssen betteln.

Erzbischof Paulino Luduku Loro betont, dass die Menschen zum Gebet kommen und die Kirchen bei den Gottesdiensten voll sind. Auch die meisten Regierungsmitglieder sind Christen, viele sogar Katholiken, und persönlich schätzen sie die Kirche. Die Kirche wird aber dann als Gegner betrachtet, wenn sie Leidende unterstützt, und stößt ständig auf Schwierigkeiten, wenn sie ihren Auftrag zu helfen erfüllt. Lebensmitteltransporte sind wegen des Verdachts, dass damit Rebellen unterstützt werden, fast nicht mehr möglich. Seit 2016 bekommt die Kirche auch keine Treibstoffzuteilungen mehr, jetzt muss teuer auf dem Schwarzmarkt eingekauft werden. Allgemein mangelt es an Respekt vor Priestern und Ordensleuten. Das zeigte sich, als der Administrator der Diözese Rumbek mit seinem Konvoi angehalten wurde. Dabei wurde kontrolliert, ob Angehörige anderer Volksgruppen bei ihm sind. Noch ein schlimmeres Beispiel: der Priester der Ordensgemeinschaft St. Martín de Porres ist nach der Folter im Gefängnis praktisch blind.

Die Organisation der Katholischen Kirche im Südsudan und Sudan ist selbst verbesserungswürdig. Es gibt zwar eine gemeinsame Bischofskonferenz, aber einen Apostolischen Nuntius für die beiden Diözesen im Sudan und einen, der für den Südsudan und für Kenia zuständig ist. Dieser ist Amerikaner und residiert in Nairobi. Der Erzbischof kritisiert, dass von den sieben Diözesen in Südsudan vier vakant sind. Da von den 12 Millionen Einwohnern im Südsudan etwa 70 % Christen und davon wiederum die Hälfte Katholiken sind und die Gebiete sich sehr weit ausdehnen, ist sein Vorschlag an den Vatikan, sogar 14 weitere Diözesen zu gründen. (Zum Vergleich: die anglikanische Kirche hat 40 Diözesen.) Bereits im Jahr 2007 war eine Delegation der Sudanesischen Bischofskonferenz im Vatikan und hat die Situation angesprochen. 2015 hat der Erzbischof den Papst darauf hingewiesen, dass in ganz Afrika 111 Diözesen vakant sind.

Es fehlen aber nicht nur Bischöfe, sondern auch Priester. Zwar gibt es 73 Kandidaten im Seminar, aber es stellt sich die Frage, wie man sie unterstützen und die Ausbildung aufrechterhalten soll, denn auch hier fehlt es an Geld und Personal. In den Ferien arbeiten die Kandidaten in den Gemeinden und tun wie die wenigen, die da sind, ihr Bestes, um der notleidenden Bevölkerung zu helfen. Eigentlich müsste man, so der Erzbischof, alle Priester zur Erholung und medizinischen Behandlung für einige Zeit ins Ausland schicken.

Ursprünglich hatte es Überlegungen gegeben, dass Papst Franziskus im September in den Südsudan kommt, dies hat sich jedoch nicht erfüllt. Von dem Besuch hatte man sich erhofft, dass der Papst mit eigenen Augen den Hunger, die Not, den Unfrieden sieht, dass er die Mitglieder der Regierung mit Blick auf ihre Glaubenszugehörigkeit herausfordert, dass er mit den Priestern und Ordensleuten spricht, dass er um Berufungen und für den Frieden betet. Dieser Besuch hätte moralische Unterstützung gegeben.

Schon bei dem öffentlichen Nationalen Gebet am 10. März 2017, zu dem der Präsident aufgerufen hatte, hat Erzbischof Paulino Luduku Loro deutliche Worte gefunden. Er deutete auf all die Menschen, die von weit her gekommen waren und sich in der sengenden Hitze versammelt hatten, um für den Frieden zu beten, und forderte Salva Kiir auf, den Weg zum Frieden zu wählen und auf diesem Weg voranzuschreiten.

Zum Schluss des Gesprächs bittet der Erzbischof nochmals eindringlich um internationale Unterstützung. Dabei wäre es besser, den Menschen statt Geld Lebensmittel zu geben. Und noch mehr braucht es in dieser Situation von Krieg und Elend Menschen, die dem Beispiel Combonis folgen und ihre ganze Kraft dafür einsetzen, den Notleidenden zu helfen und neue Hoffnung zu geben.

Andrea Fuchs

2017-07-04T08:25:41+00:00