Pater Paul Pezzei: Unruhen in Nicaragua

Liebe Freunde,

ich möchte Euch eine Zusammenfassung schicken von dem, was hier los ist.

Kurze Vorgeschichte: Der Präsident Daniel Ortega ist nach der Revolution zum Präsidenten gewählt worden und hat dann von 1985 bis 1990 regiert. Dann wurde er 2007 nochmals gewählt und regiert bis heute, da er Gesetze zu seinen Gunsten so verändert hat, dass er wiedergewählt werden konnte. Nun hat er am 16. April das Pensionsgeld um 5% gestrichen. Damit möchte er die Situation retten, weil die Kassen der Sozialversicherung leer sind. Warum? Weil er mit seinen Regierungskreisen dieses Geld abgehoben haben mit Rechnungen, die sie erfunden haben, und ausgegeben für Feiern und Reisen. Alle einflussreichen Leute lebten unter seinen Drohungen, dafür hat er seinen Freunden Autos geschenkt, Grundstücke und Häuser in Nicaragua, Spanien, Costa Rica… Jetzt ist in der Versicherung kein Geld mehr. Die Rentner zahlen jetzt drauf. Nach diesen elf Jahren ist nun ein Defizit von 71 Millionen Dollar in der Kasse der Sozialversicherung.

Da das bekannt wurde, kam etwas in Bewegung, mit dem niemand gerechnet hatte.

Das Volk hat sich erhoben, vor allem Studenten sind auf die Straße gegangen, aber ohne Gewalt. Weihbischof Silvio Baez hat die Studenten gebeten, keine Gewalt anzuwenden. Die Kirche unterstützt die Bewegung gegen die Regierung voll. Aber die Regierung hat Polizei und Militär eingesetzt, um die Studenten zu vertreiben, so wie sie es früher immer getan hat. Jetzt haben sie sich das erste Mal getäuscht, jetzt hat die Bevölkerung keine Angst mehr. Sie lassen sich nicht vertreiben. Nun hat die Regierung, um die Polizei zu unterstützen, Schlägergruppen eingesetzt, um die Jugendlichen zu schlagen und zu ermorden, um Häuser in Brand zu stecken, Läden zu plündern und damit man sagen kann, das sind die Universitätsstudenten. Aber die Studenten haben das nicht getan. Es ist wie ein Wunder, dass kein Student zu einer Waffe greift. Es kam auch die Verordnung, dass kein Krankenhaus die verwundeten Studenten aufnehmen darf. Wer ihnen hilft, wird eingesperrt. Anfangs war es so, jetzt drohen sie die Häuser anzuschüren, wo Menschen Zuflucht nehmen. Was ist das für ein Präsident, der schreit: ¡Qué no quede ni uno vivo! (Es soll keiner überleben!)

Heute Nacht (um 3 Uhr in der Früh) sind in meiner Nachbarpfarrei fünf Jugendliche erschossen worden. Es waren Gauner, die der Polizei und der Bevölkerung immer schon Schwierigkeiten machten. Die Polizei hat sie erschossen (der Pfarrer sah es) und jetzt sagt man, es war die Pfarrjugend, die das getan hat. Viele Jugendliche wurden festgenommen und ins Gefängnis gesteckt, damit man einen Grund hat zu sagen: die Studenten schüren die Unruhen. Bis jetzt gibt es 28 Tote, vielleicht schon mehr, und ich weiß nicht, wieviele Schwerverletzte, man sagt 300.

Alle Kundgebungen der Jugend und Bevölkerung sind friedlich. Am Samstagnachmittag war ich bei einer friedlichen Kundgebung dabei. Die Leute haben Mut. Es ist wie eine Siegesfreude in allen, selbst wenn es noch Märtyrer geben muss, aber am Ende wird ein neues Nicaragua auferstehen. Alle sagen, jetzt geben wir nicht mehr nach. Ich vergleiche unsere Situation hier mit dem Fall der Berliner Mauer. Ich denke, es wird so kommen. Wir alle glauben an ein Wunder. Die Menschen beten viel. Gestern bei der Sonntagsmesse (um 8 Uhr) war die Kirche schon eine Viertelstunde vor der Messe gesteckt voll und man hat noch eine Menge Plastikstühle aufgestellt. Sonst ist sie zu Beginn der Messe meist nur halb voll, und erst mit der Zeit füllt sie sich.

Die Bischöfe Nicaraguas wollen mit dem Präsidenten reden, aber zuerst muss er gewisse Bedingungen erfüllen: die letzte Pensionreform soll gestrichen werden (das hat er inzwischen getan), er soll anordnen, dass die Gewalt sofort aufhören soll, die Presse soll wieder frei handeln können, die Jugendlichen, die unschuldig eingesperrt wurden, sollen sofort freigelassen werden. Da der Präsident das nicht einhält, gibt es momentan auch keinen Dialog mit ihm. Viele vermuten, dass es so kommen wird, dass er gehen muss.

Viele Läden sind von den jugendlichen Schlägergruppen der Regierung geplündert worden, auch da wieder, damit man sagen kann, dass es Studenten waren. Dabei habe ich Videos, wie die Polizei gemütlich zuschaut, wie andere plündern. Mich wundert es, dass die Regierung so viel lügt, es werden ja überall Fotos und Videoaufnahmen mit dem Handy gemacht und weitergeschickt, da sieht man ja klar, wer das tut. Es sind Jugendliche, die das Hemd der Regierung tragen. Man sagt, die Polizei hat die Gabe der Bilokation, wenn es darum geht, Jugendliche zu suchen und ist blind, wenn vor ihren Augen Supermärkte ausgeraubt werden, weil sie dann ja auch etwas dafür kriegen.

 

Wir haben Lebensmittel gesammelt für arme Familien. Gestern vormittag war ich noch einkaufen für kinderreiche Familien und vor allem, wo Kleinkinder sind, auch für die Familien, die Straßenkinder aufnehmen (es gibt hier keine Heime für Straßenkinder, nur für Kinder, die von Seiten der eigenen Familie in Gefahr sind, wegen Trunksucht, Rauschgift, Vergewaltigungen,…). Deshalb wäre ich froh, wenn ich jetzt Spenden bekäme.

Viele Leute rufen mich an und bitten mich ums Gebet. Andere verabschieden sich und verlassen Nicaragua. Oskar, ein Freund von mir, rief mich an, er ist wütend, denn man hat den Freund seiner Tochter erschossen. Am liebsten würde er jeden erschiessen, der zur Regierung hält. Aber er sagte mir: ich bete jeden Morgen einen Psalm, heute bat ich Gott, er soll mir einen Psalm zeigen, der mir weiterhelfen könnte. Er schlug den Psalm 62 auf, wo es heisst: Meine Seele ist still vor Gott, der mir hilft, denn Er ist mein Hort, meine Hilfe, mein Schutz, mein Retter, ich werde nicht wanken…

Ich wohne hier am Stadtrand, hier ist es eher ruhig, weil hier keine reichen Leute wohnen. Was das Fernsehen sagt, weiß ich nicht, denn ich hab schon lange keinen Fernseher mehr. Die Nachrichten lese ich aus dem Handy oder Internet heraus. Allerdings, wenn ich in die Stadt muss (Managua hat 1,5 Millionen Einwohner), muss ich mich vorher erkundigen, wo heisser Boden ist, damit ich ausweichen kann.

Das wäre so das Wichtigste.

Euch allen, aus dem heissen Nicaragua, ganz liebe Grüsse und Gottes Segen,

Euer Paul

Managua, Montag, 23. April 2018

2018-04-26T10:54:32+00:00