Rückblick auf ein halbes Jahr in Brasilien

 

Liebe Freunde, Verwandte und Interessierte,

die Zeit vergeht wie im Fluge; bin ich wirklich schon mehr als ein halbes Jahr hier? Ich kann es kaum glauben. Doch wenn ich in Ruhe nachdenke, fällt mir so viel ein, was in dieser Zeit passiert ist, dass ich ein Buch füllen könnte. Keine Angst, dafür wird meine Zeit nicht reichen! So also heute wieder ein paar Eindrücke kreuz und quer, um meine Erfahrungen und Erlebnisse mit Euch/Ihnen zu teilen.

Veränderungen im Haus

Im März konnte ich aus nächster Nähe beobachten, wie man aus Eisenstäben und Zement eine Treppe konstruiert und wie eine Zisterne entsteht. Ich war beeindruckt und habe mich gefragt, ob ein Maurer in Deutschland das noch lernt? Jedenfalls habe ich die Etappen per Foto „festgehalten“ und wen es interessiert, dem kann ich’s bei Gelegenheit mal zeigen. Die beiden Bauarbeiter haben sich über mein Interesse sehr amüsiert. Seitdem die Zisterne fertig und auch die Pumpe angeschlossen ist, haben wir keinen Wassermangel mehr.

Vorher war „Wassertag“ oder eben auch nicht, jetzt weiß ich ehrlich gesagt nicht mal mehr, wann das Wasser kommt. Nachdem die Bauarbeiten zwei Monate geruht haben, soll es morgen weitergehen: Löcher verputzen, Türen und Fenster einbauen, Toiletten- und Waschbecken installieren, malern – dann wird nach drei Jahren der „Hinterhof“ fertig. Bevor Pia aus dem Urlaub in Österreich zurückkommt, soll noch der Putz im Haus erneuert werden, da der Putz aus roter Erde nicht hält und es überall bröckelt… Ich hoffe, dass dann ein wenig „Ruhe“ einzieht und es uns vielleicht sogar gelingt, einige Sträucher oder Blumen zu pflanzen.

Anderson

Diejenigen, welche bei meinem ersten Einsatz die Rundbriefe bekommen haben, erinnern sich vielleicht noch ganz vage, dass ich Flötenunterricht gegeben habe und ein Junge so pfiffig war, dass er zur Weihnachtsfeier was vortragen konnte. Denselben „Jungen“, inzwischen volljährig, habe ich vor einigen Wochen wieder gesehen: Ich wartete an der Bushaltestelle neben dem Polizeirevier, aus dem Anderson herauskam und in ein Polizeiauto verfrachtet wurde, welches an mir vorbeifuhr. Durchs offene Fenster rief er meinen Namen und streckte die Hände in Handschellen heraus. Nach zehn Minuten wiederholte sich der Vorgang, diesmal wurde er ins Revier gestoßen. Die Bilder gingen mir nicht aus dem Kopf. Ich weiß, dass er auch in unsere Projekte schon eingebrochen ist und mehr auf der Straße als zu Hause lebt.

Der Stiefvater starb als ich noch hier war. Inzwischen ist die Mutter auch verstorben. Ich konnte den Bruder Claudio ausfindig machen. Er wusste zu berichten, dass Anderson schon ein paar Monate im Gefängnis ist (Diebstahl und ?) und an jenem Tag Anziehsachen holte, weil er Asthma hat. Claudio hat ihn nie besucht. Die ältere Schwester auch nicht.

Pater Carlos von der Gefängnisseelsorge hat herausbekommen, wo Anderson steckt. Morgen wollten wir ihn besuchen. (Claudio wollte von sich aus mitkommen und auch Livia, die ehemalige Leiterin vom PETI, war sofort dazu bereit.) Leider ist Andersens „Block“ unter Strafarrest, weil während der Besuchszeit ein Gefangener einen Wärter geschlagen hat, worauf ein zweiter Wärter zwei Gefangene erschossen hat. Pater Carlos erzählte, dass sie während des Arrests pro Zelle (6-8 Personen) nur einen Liter Wasser bekommen, niemand sauber macht, Besuch ist gestrichen…Soviel zum Umgang mit Menschen. Ich bin nicht sehr scharf darauf, mich der erniedrigenden Behandlung gegenüber Besuchern zu unterziehen, aber ich glaube, dass das Bild nicht umsonst in meinem Kopf schwebt…

Fastenkampagne – Seminar – Romaria

Die diesjährige Kampagne brachte Themen zur Sprache, welche bisher kaum eine Rolle spielten: Bewahrung der Schöpfung, Nachhaltigkeit, Umgang mit Wasser sowie die Situation der von den natürlichen Ressourcen abhängigen Menschen (z.B. Fischer und Amazonasbewohner) Wir haben das Thema für die Romaria (Demo-Wallfahrt) aufgegriffen, weil es in unserem Gebiet brennende Probleme gibt: Viele Fischer sind von der zunehmenden Verseuchung der Flüsse betroffen. Selbst Jugendliche wissen zu berichten, dass sie als Kinder Fischarten gefangen haben, die man längst nicht mehr antrifft. Andererseits holzen Einwohner, die nicht wissen, wie sie überleben sollen, die Sträucher ab, welche an den Flussmündungen wachsen, wo Ebbe und Flut eine Art Schlammvegetation schaffen, um Holzkohle zu produzieren. Das kippt das ökologische Gleichgewicht.

Angesichts des Wassermangels ist es absurd, dass an den Wassertagen an vielen Stellen das Wasser stundenlang aus kaputten oder Überlaufrohren davonläuft. Die Brücke, welche uns mit der Stadt verbindet und gleichzeitig als Wehr funktioniert, wurde jahrzehntelang nicht gewartet und schon zweimal in diesem Jahr wurde deshalb ein Wohnviertel überschwemmt: die Einwohner konnten nichts retten. In Richtung Hafen soll ein eisenverarbeitendes Industriegebiet entstehen, dessen Konsequenzen für Mensch und Natur katastrophal sein werden. Arbeitsplätze wird es für die arme Bevölkerung nicht bringen, außer vielleicht ein paar Reinigungskräften oder Wächtern.

All dies kam in einem Seminar zur Sprache, was im Vorfeld der Romaria stattfand. Rund 100 Leute aus den Gemeinden haben sich tiefgreifend mit der Problematik beschäftigt. Im Ergebnis entstanden einige konkrete Aktionen verschiedener Gruppen (Jugend, Katechese, Frauen). Die Romaria am 1. Mai griff dann die Forderungen an die politisch Verantwortlichen sowie die Bevölkerung auf. Leider konnte ich diesmal nur am Anfang dabei sein, weil mich eine „Virose“ 14 Tage außer Gefecht gesetzt hat…

Einkehrtage

Einer meiner Aufgabenbereiche ist die Befähigung Ehrenamtlicher der Basisgemeinden, insbesondere der Katecheten. Ende Mai fand ein Wochenende mit 25 Leitern bzw. deren Stellvertretern statt, wo wir über die Rolle des Leiters nachgedacht, Techniken eingeübt und Haltungen reflektiert haben. Es war ein sehr fruchtbarer Austausch und hat allen Mut gemacht.

Außerdem habe ich in den letzten Monaten mehrmals Einkehrtage mit Firm- bzw. Erstkommuniongruppen begleiten können. Jedes Mal war ich aufs Neue sehr gespannt, denn mal waren die Teilnehmer Erwachsene, Leiter der Katechese beim Studientag mal Kinder, mal Jugendliche. Besonders beeindruckt hat mich eine Gruppe junger Erwachsner, die sich bewusst und ernsthaft mit ihrem Weg als Christen auseinandersetzten und auf der Suche waren, wie sie sich in der Gemeinde einbringen könnten. Wenn wir uns sonntags beim Gottesdienst treffen, ist eine tiefe Verbindung zu spüren. Die Einkehrtage bereite ich immer gemeinsam mit den Katecheten vor und glaube, dass wir dabei viel voneinander lernen.

Pastoral Do Menor

Jetzt wird es höchste Zeit, etwas von der Kinder- und Jugendpastoral zu berichten. Es gibt eine hoffnungsvolle Neuigkeit: Seit 12. Juni ist wieder Leben im „Casinha“ (Häuschen)! Vier Duos Jugendlicher haben sich bereit erklärt, ehrenamtlich jeweils zweimal wöchentlich vor- bzw. nachmittags mit den Kindern Fußball und Capoeira zu trainieren. Besonders Fußball ist attraktiv und zieht Jungen an, deren Mütter die Erziehung quasi aufgegeben haben. Über diese Aktivitäten kommen wir an die Kinder sowie ihre Familien ran und können in Minischritten beitragen, dass sie selbst den Willen aufbringen im positiven Sinne für ihr Leben zu kämpfen.

An einem weiteren Tag arbeiten wir thematisch mit den Kindern, zum Beispiel über Drogen, Sexualität, Zivilcourage, Rechte und Pflichten, Gewalt,…. Die Nachfrage ist größer als unsere Möglichkeiten, aber momentan erreichen wir damit 100 Kinder bzw. Jugendliche. Für die Capoeira haben wir für ein Jahr einen Finanzzuschuss erringen können, den wir für Fußball „strecken“ werden. Die große Herausforderung ist es nun für Jôse und mich, die Jugendlichen zu begleiten, damit sie in ihre Rolle als „Erzieher“ zunehmend hineinwachsen. Bisher läuft es gut, wenn es auch reichlich Kraft kostet, Mut zu machen, zu loben, Verantwortung einzufordern, ihnen „die Ohren lang zu ziehen“ bzw. zu versuchen, Haltungen zu vermitteln.

Die beiden PETI – Projekte gegen Kinderarbeit haben eine harte Zeit hinter sich: mit halben Lohn voll durchziehen! Mit solidarischer Hilfe aus Pirna haben die Mitarbeiterinnen das gemeistert und nun geht es langsam wieder aufwärts, was man stimmungsmäßig deutlich spürt. SENTINELLA – die Arbeit mit Opfern sexuellen Missbrauchs, macht uns momentan die wenigsten Sorgen, auch wenn wir dieses Jahr schon zum zweiten Mal die Sozialpädagogin wechseln. Verwaltungsmäßig haben wir erstmalig einen Gesamtkostenplan erstellt und trainieren nun schrittweise, uns an den geplanten Ausgaben zu Abschluss des Einkehrtages einer Firmgruppe orientieren bzw. wirklich alle Ausgaben in den Kostenplan zu integrieren. Vielleicht klingt das sehr simpel. Die Mitarbeiter jedoch haben nie lernen können, einen „Vorrat“ an Geld zu verwalten, was aber für das kontinuierliche Arbeiten in den Projekten unerlässlich ist, erst recht, wenn die staatlichen Zuschüsse sich fast immer um Monate verspäten, die Steuern bzw. Lohnabgaben aber pünktlich gezahlt werden müssen. Ich bin kein Finanzexperte, aber der gesunde Menschenverstand hilft da viel weiter und die Combonimissionare unterstützen uns mit ihrer Erfahrung.

Wie Ihr sehen könnt, wird es nie langweilig. Wenn ich aufatme, weil eine Sache mal läuft, taucht garantiert mindestens eine andere Nuss auf, die es zu knacken gilt: Jôses Brüder werden nachts überfallen und einer lebensgefährlich verletzt, Cristiane (PETI Anjo da Guarda) wird spätabends auf dem Heimweg von der UNI von einer Betrunkenen angefahren, der Computer arbeitet nicht mehr, der sechs Monate alte Sohn eines Basisgemeindeleiters stirbt, …Das alles braucht viel innere und äußere Kraft und ohne die Tankstelle „Glauben“ wüsste ich wirklich nicht, wie ich die aufbringen könnte. Vielleicht ist gerade das aber die missionarische Dimension meines Hier seins.

Sklaven-Streik-Politik-Unterricht auf der Straße

Zum Abschluss noch ein paar blitzlichtartige Eindrücke. Am Donnerstag konnte ich dabei sein, als der „Plan zur Ausrottung von Sklavenarbeit“ offiziell verabschiedet wurde. Jugendliche aus dem Landesinneren führten ein Theaterstück zur Problematik auf – das war einfach toll! Jedes Jahr werden in unserem Bundesland etwa 3.000 Menschen aus sklavenartigen Arbeitsverhältnissen befreit!

Seit drei Wochen streiken die Lehrer und die Kinder hängen noch mehr als sonst auf der Straße. Soll bis mindestens August so weiter gehen. Macht aber nichts, denn laut Statistik haben so viele Kinder wie nie einen Schulplatz.

In den 40 Jahren der Oligarchie der Familie Sarney ist nicht eine einzige politische Anzeige wegen Korruption oder ähnlichem bearbeitet worden. In den sechs Monaten der neuen Regierung kommt ein „Skandal“ nach dem anderen ans Tageslicht, viele erweisen sich bei genauer Prüfung als nichtig. Da sieht man, dass die Mächtigen nicht so schnell aufgeben…

Auf dem Heimweg von der Pastoral do Menor komme ich an einem Stand vorbei, wo ein Mann Bananen verkauft. Drei, viermal die Woche ruft er mich und wir halten, auf Bananenkisten sitzend, eine kleine Deutschunterrichtsstunde. Ich bewundere seine Auffassungsgabe. Er hat ein Wörterbuch zu Hause, scheinbar ein altes und sucht Wörter heraus, die er lernen will: Autodroschke zum Beispiel. Es fällt ihm schwer zu glauben, dass man heutzutage schlichtweg Auto sagt und das andere eher eine literarische Ausdrucksform ist.

Seid für diesmal alle herzlich gegrüßt, danke für alle Verbundenheit und Unterstützung!!

Eure

Barbara

2016-12-20T00:07:10+00:00