Der schmale Grat zwischen den Fronten im Südsudan

Der Südsudan steht politisch wie wirtschaftlich am Abgrund. Auch die traditionelle Weise, sich selbst durch Viehzucht und Ackerbau zu versorgen,  gelingt nicht mehr wegen Vertreibung und Naturkatastrophen, so dass Hundertausende vom Hungertod bedroht sind und auf diese Weise schon jetzt unzählige Menschen jeden Tag unnötig sterben. Hinzu kommt die Aggression und Verrohung im Umgang miteinander. Die Erlebnisse in diesem Bericht beschreiben, wie gefährlich es ist, sich zwischen den Fronten zu bewegen. Die Kirchen, wie die Comboni Missionare, leben und arbeiten auf allen Seiten des Konflikts (es sind mehr als nur zwei Konfliktparteien). Wir suchen Versöhnung und Teilhabe aller Menschen in diesem Land. Das wird aber oft nicht verstanden, weil jede Partei den Spruch “Wer nicht für uns ist, ist gegen uns” anwendet.

Die Situation ist letztes Jahr besonders für die katholische Kirche schwierig geworden. Der Verwalter unserer Diözese (wir haben seit 2009 keinen Bischof) war bis vor kurzem eher auf der Seite der Regierung, weil er mit ansehen musste, wie wilde Nuer-Milizen unseren Bischofsitz Malakal zerstört haben. Letztes Jahr verübten Regierungssoldaten jedoch ein Massaker mit über hundert Toten an seinem Volk, den Balanda. Da konnte er sich nicht mehr halten und predigte eines Sonntags in Juba sehr emotional gegen die Regierung. Das ganze wurde auch noch live im Radio übertragen, und die Sicherheitskräfte nahmen ihn gleich nach der Messe fest. Der Präsident (übrigens auch katholisch mit eigenem Sofa in der ersten Reihe der Kathedrale) gab dem „verlorenen Sohn” in einer Privataudienz die Möglichkeit, seinen „Fehler” zu widerrufen. Wohlgemerkt, es gibt hier keinen Rechtsstaat, wo eine Straftat vor Gericht verhandelt werden kann, sondern es geht zu wie zu Königszeiten, wo der Herrscher ein Gnadenurteil für reuige Untertanen spricht. Seit diesem Ereignis wird Priestern und Mitarbeitern der katholischen Kirche pauschal vorgehalten, einseitig die Opposition zu unterstützen.

Im Januar 2017 war ich zur Provinzversammlung der Comboni Missionare in Juba.  Weil seit November der Nil wieder für Schiffe geöffnet ist, hatten wir mehrere Tonnen Bau- und Schulmaterial eingekauft. Auch das Krankenhaus in Old Fangak hat sich an der Ladung beteiligt. Die Sachen mussten nun mit Lastern zum Flussufer gebracht werden. Einer dieser Laster wurde von der Polizei abgefangen. (An jeder Straßenecke stehen Polizisten, die so viele Fahrzeuge anhalten, bis sie genug Geld für den Tag erpresst haben.) Als sich herausstellte, dass die Ladung für Old Fangak bestimmt ist (die „Rebellen“!), wurde die National Security eingeschaltet und der Laster konfisziert. Der arme Fahrer rief unseren Logistiker an. Dieser wurde bei seiner Ankunft auch festgenommen und rief mich an, ihn mit offiziellen Papieren da rauszuholen. Es gibt keine Adressen oder Straßennamen in Juba. So wurde ich von einem Mann abgeholt, der mich einige Kilometer außerhalb der Stadt zu einem unmarkierten Gelände nahm. Dort wurde ich ebenfalls wegen Kollaboration mit den Rebellen unter Arrest gestellt. Ich befand mich in einem Raum heiß wie eine Sauna wegen der Mittagshitze. Für Wasser musste ich bezahlen. (Jemand ging für mich einkaufen, weil das Gelände kein Trinkwasser hat.)

Der Logistiker und ich wurden in getrennten Räumen ins Kreuzverhör genommen, um unsere Darstellung zu prüfen, und niemand von außen kannte unseren Ort. Als ich einen Anruf von einem Comboni Pater erhielt, der meinen Aufenthaltsort erfahren wollte, wurde mir das Handy weggenommen und abgestellt. Ein Mann sagte, dass er mich töten würde, wenn er das Kommando hätte. Das war keine Drohung, sondern eine Feststellung. Glücklicherweise hatte er anscheinend nichts zu sagen, und der Kommandeur war mir recht freundlich gesinnt. Er wollte genau wissen, was ich in Fangak mache und natürlich, was die „Rebellen“ machen. Er freute sich auch über die Gelegenheit, mit einem Priester zu sprechen, und wollte ganz genau wissen, wie ein Papst gewählt wird. So erklärte ich die Funktion von Kardinälen und wie die Wahl abläuft. Den Gebrauch von anonymen Wahlzetteln fand er faszinierend. Die Szene würde in einen Monty Python Sketch passen. Der Kommandeur war so interessiert, dass unser Gespräch vergessen ließ, dass ich in Haft war. Nach fünf Stunden durften wir nach Hause, aber viele Südsudanesen bleiben für lange verschwunden und werden gefoltert, wenn sie in die Hände des Sicherheitsapparates gelangen. Natürlich wurde mir und dem Logistiker das Bargeld abgenommen. Das war ein großer Betrag, weil an dem Tag eigentlich noch andere Ausgaben getätigt werden sollten.

Der letzte Absatz beschreibt das Misstrauen auf Seiten der Regierungsbefürworter. In Old Fangak ist letztes Jahr folgendes passiert:  Am Ende einer Messe werden immer Reden gehalten. Der Vater eines Schülers bedankte sich in einer Rede für das Engagement der Comboni Missionare und fügte dann hinzu, dass er nicht glaube, dass Pater Gregor für die Regierung arbeite. Dieser unscheinbare, an das allgemeine Publikum gerichtete Satz offenbart folgendes: Es gibt Leute in Old Fangak, die sich meine Kooperation mit dem Schulministerium nur dadurch erklären können, dass ich für die Regierung spioniere. Wie sonst würden sie uns am Grundschulexamen teilnehmen lassen? Das ist für mich potentiell eine gefährlichere Situation, als was mir in Juba passiert ist. Das Problem ist, dass ich ja nicht beweisen kann, kein Spion zu sein.

Ich habe mich damals beraten und weiß, dass ich nichts zu befürchten habe. Aber eine kenianische Krankenschwester musste aus einer anderen Ortschaft im Nuer Gebiet innerhalb weniger Stunden evakuiert werden wegen eines kritischen Facebook-Eintrags gegen die Opposition. Soldaten waren schon auf dem Weg, um sie festzunehmen – glücklicherweise zu Fuß, weil es im Sumpfgebiet des Nil keine Straßen gibt -, und das erlaubte der Organisation einen Charterflug zu buchen. Menschenleben zählen kaum etwas, und spätestens seit der Vergewaltigung von Hotelgästen (internationalem NGO-Personal) durch Regierungssoldaten im Juli 2016 ist klar, dass Ausländer keinen Schutzstatus haben. Weniger bekannt ist, dass eine amerikanische Ordensschwester zu einer anderen Gelegenheit ebenfalls vergewaltigt worden ist. Und eine tschechische Ordensschwester und zugleich Ärztin ist letztes Jahr in einem Krankenwagen (!) an einem Checkpoint erschossen worden, weil der Soldat das Fahrzeug als Bedrohung aufgefasst hat (http://www.steyler-mission.de/de/news-berichte/nachrichten/2016/Schwester-Veronika-nach-Schussverletzung-verstorben.php). Aber da wurde geschossen, ohne zu wissen, wer im Wagen saß.

Mein Fall, dass ich gleich zweifach auf der jeweils anderen Seite vermutet werde, ist symptomatisch für die Lagermentalität, in die auch Außenstehende unfreiwillig eingeordnet werden. Das ist besonders tragisch für die Kirchen, weil wir ja eine Botschaft verkünden, die diese Mentalität überwinden will. Solange die Mehrheit der Südsudanesen darin verharrt, kann ihnen von außen nicht geholfen werden. Keine politische Initiative oder Reform wird irgendetwas bewirken.

Im Januar fühlte ich mich, wie zwischen zwei Mühlsteinen zerrieben zu werden, und es hat mir einige schlaflose Nächte bereitet. Aber das ist paradoxerweise eine Situation, die eine Verheißung auf Gottes Segen hat. „Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht… Wir gelten als Betrüger und sind doch wahrhaftig; wir werden gezüchtigt und doch nicht getötet; uns wird Leid zugefügt, und doch sind wir jederzeit fröhlich; wir sind arm und machen doch viele reich; wir haben nichts und haben doch alles.“ (2. Korintherbrief 4,8; 6,8-10) Mit den Worten „reich“ und „alles“ meint der Apostel Paulus die geistlichen Güter der Erlösung durch Christus und der Versöhnung mit Gott. Es geschieht durch diese Versöhnung, dass Menschen befreit werden zur Versöhnung miteinander. Daher ist die Versöhnung mit Gott der Kern der christlichen Missionsarbeit (2 Korinther 5,17-20).

Für den Glaubenden sind Konflikte – vom großen Bürgerkrieg bis zum kleinen Ehekrieg – ein Zeichen, dass der Mensch auf sich allein gestellt verloren ist. Deshalb erzählt Jesus ein Gleichnis über Gott in der Gestalt eines Hirten, der sein verlorenes Schaf, den Menschen, sucht, bis er es gefunden hat (eine wunderbare Erzählung für Hirtenvölker wie Nuer und Dinka). Die rechte Gottesbeziehung ist die Basis, dass der Mensch nach der Bestimmung leben kann, für die er erschaffen worden ist.

Der Mensch ist nach der Bibel Abbild des Schöpfers. Ehrfurcht vor Gott zeigt sich daher gerade darin, dass wir sein Abbild in anderen Menschen achten. Deshalb sagt Jesus, dass das Gebot der Nächstenliebe (ich füge hinzu: Feindesliebe) dem Gebot der Gottesliebe gleichgestellt ist. Wer sich ernsthaft darauf einlässt, erfährt, dass dies oft menschliche Kräfte übersteigt. Aber gerade darin wird er im Glauben Gottes Kraft spüren. Ich teile meine Überzeugung mit den Leuten in Fangak, aber ich schreibe es auch euch, falls jemand sich in einem menschlich ausweglosen Konflikt befindet.

Dieser Brief soll nicht hoffnungslos enden: Es gibt Südsudanesen, die nicht der Logik des Krieges folgen. Bei der Abfertigung der Schiffspapiere im Januar sagte mir der Beamte, ein Dinka, dass er auch gläubig sei und es gut findet, was die Kirche macht. Er informierte mich auch darüber, dass ich einen Antrag stellen kann, als kirchliche Organisation von den Steuern für den Transport befreit zu werden. Das hat mich überwältigt, nachdem mir die National Security so viel Geld geraubt hatte. Man muss wissen, dass in dem wirtschaftlichen Chaos Gehälter spät oder gar nicht gezahlt werden und Beamte oft nur das erhalten, was sie an Gebühren einnehmen. Indem der Mann uns (d.h. auch den „Rebellen“) einen gebührenfreien Transport ermöglichte, hat er auf seinen eigenen Verdienst verzichtet.

Eine andere Begebenheit:  Die Neujahrsmesse habe ich in einer Kapelle gefeiert, die an ein Dinka Gebiet grenzt. Dort gibt es auch Katholiken (ohne Priester), die von unseren Nuer zum Gebet eingeladen worden sind. Mich hatte niemand informiert, und so wurde ich überrascht, als plötzlich jemand aufstand und von Nuer auf Dinka übersetzte. Mir kamen vor Rührung die Tränen. Hier ist der Beginn eines neuen Südsudan, ganz bescheiden und unscheinbar. Es war ein Taufgottesdienst, in dem neben Kindern auch mehrere Erwachsene getauft worden sind, unter anderem eine Mutter, Jahrgang 1969, zusammen mit ihren 6 Kindern. Taufe bedeutet hier, dass die Volksgruppe bzw. die Ethnie zwar die Herkunft sind, aber nicht mehr die Identität ausmachen. Das ist jedenfalls die Hoffnung, dass Christen unter Druck und in der Krise sich ihrer neuen Identität in Christus bewusst sind und danach handeln.

Dieser Bericht ist für mich ein Tagebuchersatz. Ich hoffe aber auch, dass ihr daraus Gewinn gezogen habt. Werdet zu Friedensstiftern, dort wo ihr lebt.

Herzliche Grüße und Gottes Segen,

euer Pater Gregor

März, 2017

2017-06-09T15:01:12+00:00